Durch die Berliner Sonnenbrille

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An Israels größtem Flughafen sieht man Berlin. Genauer gesagt: "Carolina Lemke Berlin". Die israelische Firma stellt Sonnenbrillen her, sie wirbt am Ben Gurion-Airport mit großen Plakaten – und sie hat weder etwas mit einer Carolina Lemke zu tun noch mit Berlin. Geschäftsleute hätten sich den Namen ausgedacht, "weil sie ihr Produkt damit hipp machen wollten", berichtete Helge Eikelmann im Großen Hörsaal der Alten Universitätsbibliothek. "Man muss sich das vorstellen: Die Israelis erfinden mittlerweile deutsche Markennamen, um auf dem eigenen Markt erfolgreich zu sein."

An Israels größtem Flughafen sieht man Berlin. Genauer gesagt: "Carolina Lemke Berlin". Die israelische Firma stellt Sonnenbrillen her, sie wirbt am Ben Gurion-Airport mit großen Plakaten – und sie hat weder etwas mit einer Carolina Lemke zu tun noch mit Berlin. Geschäftsleute hätten sich den Namen ausgedacht, "weil sie ihr Produkt damit hipp machen wollten", berichtete Helge Eikelmann im Großen Hörsaal der Alten Universitätsbibliothek. "Man muss sich das vorstellen: Die Israelis erfinden mittlerweile deutsche Markennamen, um auf dem eigenen Markt erfolgreich zu sein."

Der Repräsentant des Generalkonsulats des Staates Israel in Hessen und Rheinland-Pfalz sprach beim Netzwerk für politische Bildung, Kultur und Kommunikation über "70 Jahre Israel. Eine Bestandsaufnahme der deutsch-israelischen Beziehungen im Jubiläumsjahr". Mit den Sonnenbrillen illustrierte er, wie viele Menschen in Israel heute auf Deutschland schauten: "pauschalisierend positiv". So gelte Angela Merkel als "populärste Politikerin überhaupt", das Goethe-Institut könne sich vor Anfragen nach Sprachkursen kaum retten und beim Public Viewing in Tel Aviv unterstützen Einheimische die deutsche Nationalelf.

Deutschlandbild extrem positiv

Diese "fast euphorische" Haltung sei freilich "genauso uninformiert und ignorant" wie der Blick mancher Deutschen auf Israel. Hierzulande werde die Meinung "immer einfacher und dadurch immer negativer", sagte Eikelmann und zitierte eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, nach der 48 Prozent der Deutschen 2015 eine "negative Einstellung" zu Israel zeigten. Parallel wachse der Einsatz in zivilgesellschaftlichen Initiativen, es gebe stetig mehr deutsch-israelische Städtepartnerschaften, und auch die Zahl deutscher Touristen in Israel steige kontinuierlich: "Wir haben ein fast schon schizophrenes Bild von Israel."

Eikelmann schilderte also zwei gegenläufige Trends: Nach dem Zweiten Weltkrieg sei das Deutschlandbild in Israel "sehr negativ" gewesen, ehe sich eine "konstant größere Begeisterung" entwickelt habe. Die Deutschen indes hätten bis in die 1970er Jahre hinein "überwiegend positiv" über Israel gedacht, assoziierten mit dem Land seitdem aber zunehmend Konflikte oder gar antisemitische Vorurteile. Diese Diagnose verknüpfte Eikelmann mit einer Analyse der politischen und wirtschaftlichen Kontakte.

Seit Adenauer und Ben Gurion hätten in der Politik "persönliche Beziehungen den Vorrang vor etablierter Diplomatie" gehabt, betonte er. Ökonomisch sei das einst arme, heute zum "Hochtechnologieland" entwickelte Israel generell stark von seinen Handelspartnern abhängig. Dabei habe die "Start-up Nation" in Deutschland ihren "Einstiegspunkt" zur EU. Dass sich Israel selbst als "europäisch" verstehe, könne man unterdessen schon an seiner – zuletzt so erfolgreichen – Teilnahme am Eurovision Song Contest ablesen. Oder am – traditionell erfolglosen – Versuch der Fußballer, sich für eine Europameisterschaft zu qualifizieren.

Während gesellschaftlich "die Entfremdung von Israel" zunehme, fehle es der deutschen Politik an Mut für mehr Engagement im Nahen Osten, kritisierte Eikelmann in seinem Fazit: "Es gibt kaum eine nennenswerte inhaltliche deutsche oder europäische Außenpolitik in der Region." Nach dem Prinzip "wenig Handfestes, viel Symbolik" verpasse man "eine große Chance". Schließlich hätten beide Seiten ein "reges Interesse an engen Beziehungen".

Ungeachtet dessen begeisterten sich die Menschen weiter für Deutschland. Und besonders für Berlin – nicht nur als Sonnenbrille, sondern auch als Wohnsitz. 12 000 israelischstämmige Einwohner der deutschen Hauptstadt hätten "das günstigere und konfliktfreie Tel Aviv" bereits für sich entdeckt – Tendenz steigend.

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