NS-Vergangenheit

Dunkle Schatten aus der Zeit in Gießen

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Hans Hofmeyer war Richter im ersten großen Auschwitz-Prozess. Bei einer Recherche kamen Dinge ans Licht, die Schatten auf Hofmeyers Vermächtnis werfen. Vieles davon geschah in Gießen.

Matias Ristic traute seinen Augen nicht, als er im Hessischen Staatsarchiv durch die Akten mit der Aufschrift "Erbgesundheitsgericht" blätterte. Sie beinhalten Dokumente über Verfahren nach dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933", mit dem die Nazis Menschen unfruchtbar machen wollten, deren Erbgut ausgemerzt werden sollte. Sie wurden als "Ballastexistenzen" und "Defektmenschen" abgewertet.

Zwischen 1934 und 1945 wurden etwa 400 000 Menschen auf Anordnung der Erbgesundheitsgerichte auch ohne ihre Einwilligung unfruchtbar gemacht. Betroffen waren nicht nur geistig oder körperlich behinderte Menschen, sondern auch Patienten psychiatrischer Heil- und Pflegeanstalten sowie Alkoholkranke. Etwa 5000 überlebten den Eingriff nicht. Unter einigen Verfügungen und Beschlüssen zur Zwangssterilisierung des an das Gießener Amtsgericht angeschlossenen hiesigen Erbgesundheitsgerichts fand Ristic die Unterschrift von Hans Hofmeyer.

Es war der Moment, in dem Ristic’ Bild von Hofmeyer zerstört wurde. Als Richter des großen Frankfurter Auschwitz-Prozesses hatte Hofmeyer Lob von allen Seiten erhalten. Man attestierte ihm eine "vorbildliche Verhandlungsführung". "Hofmeyer galt in Deutschland bisher als honoriger, bedachter und mit Haltung ausgestatteter Richter, der sich auch nicht vor moralischen Urteilen scheute", sagt Ristic gegenüber der Gießener Allgemeinen Zeitung. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die am Wochenende zuerst über die neuen Erkenntnisse Ristic’ berichtete, schrieb: "Hofmeyer verkörperte das gute Deutschland, das sich vielleicht nicht wirksam gegen die Naziherrschaft gewehrt hatte, nun aber aufrichtig bemüht war, sich der Vergangenheit zu stellen." Im Falle von Hofmeyer bestehen daran nun mindestens Zweifel.

Er hatte auch in der Hitlerjugend eine hohe Position. Das war kein Kinkerlitzchen

Ristic über Hofmeyers Gießen-Zeit

Ristic beschäftigte sich intensiv mit Hofmeyers Zeit in Gießen. Er kam spätestens 1925 zum zweiten Jura-Semester aus München nach Gießen und blieb mit Unterbrechungen bis 1939 an der Lahn. Ristic hat zwar noch nicht alle Akten ausgewertet, aber seine zweijährige Recherche lässt bereits den Schluss zu, dass Hofmeyer auch in Gießen in dem unmenschlichen Nazi-System eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat. Bei einem Mädchen aus der Wetterau diagnostizierte er in seiner Rolle als Amtsgerichtsrat laut Aktenlage unter anderem "völlige Verblödung" und ließ wegen "angeborenem Schwachsinn" gegen die Einwände der Mutter die Zwangssterilisierung vollstrecken. Im Falle eines 15-jährigen Mädchens sorgte eine Anordnung von ihm letztlich dafür, dass auch das Kind zwangssterilisiert wurde. "Ich habe nach dem Studium der Tonbandaufzeichnungen des Frankfurter Prozesses wirklich viel von Hofmeyer gehalten, aber diese neue Erkenntnis ist abstoßend", betont Ristic.

Jahrelang in Gießen gelebt und gearbeitet

Hofmeyer kam spätestens 1925 nach Gießen. Er wohnte zunächst in einem Studentenwohnheim, später in der Bismarck- und Löberstraße, ehe er 1932 am Nahrungsberg eine Wohnung fand. Dort blieb er mit Unterbrechungen und kehrte von 1935 bis 1939 an diese Adresse zurück, die damals in der Nähe eines sogenannten "Judenhauses" lag. 1936 war er zum Amtsgerichtsrat geworden und arbeitete bis mindestens 1940 in dieser Position in Gießen. Seine letzte Unterschrift stammt vom 25. August 1939. In diese Zeit fallen auch die Urteile, die nun Schatten auf das Vermächtnis des 1992 verstorbenen Mannes werfen. Im Laufe der Recherche zu seiner geplanten Doktorarbeit an der Universität Köln hat Ristic herausgefunden, dass Hofmeyer im Krieg zunächst als Nachrichtenoffizier eingesetzt war, 1942 kam er dann in die Heeresjustiz

 "Belegt ist auch, dass Hofmeyer an zentraler Stelle in der Abteilung des Richters Otto Grünewald saß, die gegen Ende des Krieges die Fliegenden Standgerichte einsetzte, durch die unzählige Todesurteile gesprochen wurden", schreibt die FAS. In Gießen habe Hofmeyer allein acht verschiedenen Nazi-Organisationen angehört, wenn man die NSDAP mitzählt, für die er einen Aufnahmeantrag gestellt hat. "Er hatte in der Hitlerjugend eine hohe Position. Er war deren Rechtsreferent. Das war kein Kinkerlitzchen", sagt Ristic.

Der Doktorand ist erschüttert. "Ich habe so viel von Hofmeyer gehalten, wollte wegen ihm selbst Richter werden und als Richter sein wie er", sagt Ristic. Nun hat er sich erstmal zum Ziel gesetzt, das Wirken seines einstigen Idols in der Doktorarbeit nachzuzeichnen. Das geplante Denkmal liegt allerdings schon in Trümmern, ehe es errichtet wurde.

Info

Frankfurter Auschwitz-Prozess

Ab 20. Dezember 1963 wurde zunächst im Frankfurter Römer der größte Strafprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte unter Leitung des Richters Hans Hofmeyer geführt. Es waren drei Richter und sechs Geschworene, vier Staatsanwälte, drei Nebenklagevertreter, 19 Verteidiger und 22 Angeklagte beteiligt. Insgesamt wurden 360 Zeugen vernommen. Ein wichtiges Beweismittel waren die Aufzeichnungen des Lagerkommandanten Rudolf Höß. Am 6. Mai 1965, nach 154 Prozesstagen, wurde die Beweisaufnahme abgeschlossen. Die Plädoyers nahmen 22 Verhandlungstage in Anspruch. Die am 19. August 1965 begonnene Urteilsverkündung dauerte zwei Tage. Die Urteile lauteten auf sechs lebenslange Zuchthausstrafen, eine zehnjährige Jugendstrafe und zehn Freiheitsstrafen zwischen dreieinhalb und vierzehn Jahren. Drei Angeklagte wurden freigesprochen.

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