Vorverkauf und Abverkauf: Horst Wißner schließt das Dürerhaus Kühn am Kreuzplatzum 30. Dezember.
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Vorverkauf und Abverkauf: Horst Wißner schließt das Dürerhaus Kühn am Kreuzplatzum 30. Dezember.

Dürerhaus Kühn: Feuchte Augen zum Finale

  • vonOliver Schepp
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  • Oliver Schepp
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Gießen (pd). Der Countdown läuft. Am Freitag öffnet das Dürerhaus Kühn zum letzten Mal. Dann ist Schluss. Für immer. Davon merkt man zum Jahresende nichts. Das Geschäft am Kreuzplatz ist voll. Engel, Konzertkarten und Kerzen haben Konjunktur. "Das kommt leider zu spät", sagt Inhaber Horst Wißner.

"Block F, Reihe 12", ruft Horst Wißner dem Kunden zu, der zwei Karten für André Rieu in der Rittal-Arena sucht. Eine Frau möchte die "Kleine Meerjungfrau" in der Kongresshalle sehen. Im Schaufenster hat ein älterer Herr zwei Weihnachtsglöckchen mit verschiedenen Jahreszahlen entdeckt. "Sind die zu verkaufen?" Selbstverständlich. Pech hat dagegen das Ehepaar auf der Suche nach Pyramidenkerzen. "Davon habe ich nichts mehr", sagt Wißner. Dafür ist das hessische Geschirrtuch mit dem Motiv in Schwälmer Tracht noch vorrätig. Gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Simone Rachor eilt Wißner zwischen Büro und Verkaufsraum hin und her. "Wenn der Andrang immer so groß gewesen wäre, hätten wir uns über eine Schließung keine Gedanken machen müssen", erklärt er.

Oktober in der Gießener Allgemeinen Zeitung wird er auf das Thema angesprochen. "Es ging morgens auf dem Markt los", erinnert sich der Inhaber der Institution. Viele haben ihr Bedauern darüber zum Ausdruck gebracht, dass im 92. Jahr Schluss sein soll für das Fachgeschäft, in dem es vom Räuchermännchen aus dem Erzgebirge über Gießen-Souvenirs bis zum Konzertticket (fast) alles gibt. "So schöne Sachen bekommt man sonst nirgends mehr", sagt sie. Das finden auch die älteren Herrschaften auf der Suche nach Deko-Artikeln. "Wir gehen hier einkaufen, seit wir in Gießen sind." Für seine Entscheidung, zum Jahresende zu schließen, sei ihm allerdings auch viel Verständnis entgegengebracht worden. Nach einem Herzinfarkt 2015 sei ihm klar gewesen, dass er das Haus nicht ewig weiterführen könne. Auch das veränderte Konsumverhalten – viele kaufen mittlerweile im Netz – habe ihm die Entscheidung erleichtert. Auch der wird zum 30. Dezember eingestellt. "Ich weiß nicht, wer sich in Zukunft ein Stück von diesem Kuchen abschneiden wird", erklärt der Ladeninhaber, der in diesen Tagen auch Karten für Konzert- und Sportveranstaltungen an den Mann bringt. Der Vorverkauf für das Kellertheater in der Bleichstraße sei beispielsweise ausschließlich über das Dürerhaus gelaufen. Bisher habe sich niemand gemeldet, um Kontaktadressen zu erfragen. Nach dem Finale am Freitag stehen im Januar Inventur und Ausräumen der Lagerflächen an. "Bis Ende März muss alles weg sein. Wahrscheinlich muss ich einen großen Container bestellen", verdeutlicht er, dass bis zum Jahresende nicht alles verkauft sein wird. Der Lagerbestand ist groß, denn: "Ich habe immer für jeden alles vorgehalten." Momentan gibt es auf viele Artikel einen Preisabschlag von 50 Prozent. Dezember nicht leicht für ihn wird, weiß Wißner schon jetzt. "Der Kontakt zu den Kunden wird mir fehlen." Und er weiß auch, dass es zum Abschied immer mal wieder feuchte Augen geben wird. "Am 12. Januar 2017 wäre ich 33 Jahre hier im Geschäft. Das ist mehr als die Hälfte meines Lebens."

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