Duell um Präsidentschaft

  • Kays Al-Khanak
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Zwei Kandidaten - ein Ziel: das Präsidentenamt der Justus-Liebig-Universität. In einer Anhörung haben Amtsinhaber Joybrato Mukherjee und dessen Herausforderer Hans-Uwe Simon ihre Zukunftsvision für die Uni vorgestellt. Dabei mussten sie sich kritischen Fragen stellen.

Ein externen Kandidat hat es bei einer Bewerbung nicht leicht: Er kennt die Begebenheiten und Empfindlichkeiten vor Ort weniger. Gleichzeitig kann ein Blick von Außen auch ein Vorteil sein; vor allem dann, wenn sich der Herausforderer als Gegenentwurf des Amtsinhabers präsentiert oder mit Verve und Argumenten Begeisterung entfacht. Hans-Uwe Simon ist Mediziner und Pharmakologe an der Uni Bern und will Präsident der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen werden. Gemeinsam mit Amtsinhaber Joybrato Mukherjee stellte er sich jetzt in einer Anhörung den Fragen des Erweiterten Senats. Es war kein Spaziergang.

Die Anhörung war öffentlich und wurde live in drei Hörsäle übertragen. Dabei standen 190 Sitzplätze zu Verfügung. Einen Livestream gab es aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht, teilte die Uni-Pressestelle auf Anfrage mit, um "unkontrollierte Aufzeichnungen" auszuschließen.

Simon präsentierte sich in der Aula des Uni-Hauptgebäudes als Freund der basisdemokratischen Beteiligung. "Eine moderne Universität hat flache Hierarchien", sagte er. Dies ermögliche auch "innovative Ideen und überraschende Forschungsergebnisse". Möglich sei dies, wenn der Präsident in engem Austausch mit den Professoren stehe, Freiräume gebe und Kritik zulasse.

Freiräume zulassen

Simon sieht die Fachbereiche als "Säulen" der Uni. Sie sollen mit ausreichend finanziellen Mitteln ausgestattet werden und unabhängig agieren. Er strebt eine Vernetzung von Forschungsgruppen aus unterschiedlichen Fachbereichen an. "Dazu würde ich universitäre Forschungsmittel bereitstellen wollen, um die sich interdisziplinäre Forschungsteams bewerben können."

Die Studiengänge müssten im Hinblick auf die Informationstechnik reformiert werden, betonte der 62-Jährige. Die Uni soll aus der Digitalisierung "wissenschaftliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Werte schaffen". Simon stellt sich für Gießen ein universitäres Zentrum für Künstliche Intelligenz vor. Um den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern, sollen Studierende frühzeitig in die Forschung eingebunden und Assistenen über Juniorprofessuren nach einer befristeten Bewährungszeit eine Lebenszeitprofessur erhalten.

Genauso wie Simon hatte auch Amtsinhaber Mukherjee 15 Minuten Zeit, den Zuhörern seine Zukunftsvision für die JLU vorzustellen. Als Rahmen nannte der 47-Jährige den Entwicklungsplan der JLU, den Cyberangriff Ende des vergangenen Jahres, die Corona-Krise und die Zunahme von autoritären und nationalistischen Entwicklungen weltweit. Der Anglist glaubt, dass die 2020er Jahre "entscheidende Jahre" werden. Deshalb müsse an der Uni ihre Resilienz - also Widerstandskraft - gestärkt und ihre gesellschaftliche Relevanz gesteigert werden.

IT-Governance und IT-Sicherheit sollen neu aufgestellt werden. So stellt sich Mukherjee vor, dass das Hochschulrechenzentrum eine professoral-wissenschaftliche Gesamtleitung erhalten soll. Zudem sollen die Digitalisierung in Forschung und Lehre sowie hybride Formate gestärkt werden.

Mukherjee sieht in der Netzwerkbildung große Chance für den Universitätsstandort. Bestehende Kooperationen sollen ausgebaut, Kontakte vor allem ins Rhein-Main-Gebiet intensiviert werden. "Immer wenn es die Chance gibt, eine Einrichtung in Gießen anzusiedeln, sollten wir diese beherzt ergreifen", sagte er und nannte unter anderem das Frauenhoferinstitut und das im Aufbau befindliche Institut für Lungengesundheit. Der seit 2009 amtierende Unipräsident forderte vom Land, die bauliche Runderneuerung der JLU voranzutreiben. 60 Prozent der Flächen seien "erneuerungs- oder sanierungsbedürftig". Um gut arbeiten zu können, brauche es "funktionsfähige Gebäude".

Mit dem Aufbau von Forschungszentren will Mukherjee der JLU zu mehr Relevanz verhelfen. Das "International Graduate Centre for the Study of Culture" (GCSC) soll zu einem kulturwissenschaftlichen Forschungszentrum ausgebaut werden. Vom Hessischen Umweltamt gebe es die Zusage, gemeinsam mit der Uni eine neue Forschungseinrichtung zu gründen: das Lore-Steubing-Institut für Bioversität und Naturschutz in Hessen. Mukherjee kündigte "ernste Gespräche" mit dem Asklepioskonzern an, der das Uniklinikum Gießen-Marburg übernommen hat. Die Klinik habe eine dienende Funktion für Forschung und Lehre; Renditeerwartungen erteilte er eine Absage.

Mit Selbstkritik

Beiden Kandidaten stellten die Zuhörer zum Teil kritische Fragen. Aufgrund der sehr allgemeinen Ausführungen von Simon sollte dieser immer wieder konkretisieren, wie sich seine Ideen für Gießen umsetzen ließen. Befragt wurde er außerdem zu einem unter ihm an der Uni Bern arbeitenden Immunologen, dem wissenschaftliches Fehlverhalten und Insiderhandel vorgeworfen wurden.

Mukherjee musste sich Fragen zu seinem Führungsstil gefallen lassen. Hier zeigte sich der Präsident selbstkritisch. Zuerst sei dieser "sozial-integrativ" wahrgenommen worden. Zwischen 2017 und 2019 habe es jedoch eine "Phase des stärkeren Führens" gegeben. Dies sei dem verschärften Wettbewerb mit anderen Hochschulen geschuldet gewesen. In bestimmten Fragen, sagte er, hätte er früher informieren und seine Wertschätzung besser ausdrücken müssen: "Man ist kein Roboter."

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