Sobald eine Substanz verboten wird, ändern Drogenhersteller sie in Nuancen und bringen sie wieder auf den Markt.	FOTO: SCHEPP
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Sobald eine Substanz verboten wird, ändern Drogenhersteller sie in Nuancen und bringen sie wieder auf den Markt. FOTO: SCHEPP

Drogen

Drogenrausch im Blindflug: Suchtberater aus Gießen warnen vor Legal Highs

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Sogenannte Legal Highs stellen nicht nur für die Konsumenten, sondern auch für Ermittler und Akteure der Suchthilfe ein großes Problem dar - auch in Gießen.

5F-SGT-151 kann man im Internet bestellen. In Pulverform kostet ein Gramm 30 Euro - zahlbar per Kreditkarte oder Bitcoin. Zwar wird darauf hingewiesen, dass das Mittel schädlich und nicht für den menschlichen Konsum gedacht ist. Aber wer weiterklickt, erfährt die Wirkungsweise des synthetischen Cannabinoids: Es soll entspannen und bewusstseinserweiternd wirken. 5F-SGT-151 ist hierzulande mittlerweile verboten, weil es mit schweren Vergiftungen und Todesfällen in Verbindung gebracht wird. Es gehörte eine Zeit lang zur Gruppe der Legal Highs - psychoaktiv wirksame Produkte, die von der Gesetzgebung nicht erfasst sind. Matthias Jensen vom Suchthilfezentrum in Gießen sagt: »In dem Bereich müssen wir als Suchtberater einen Offenbarungseid leisten. Wir können nicht so schnell darauf reagieren. Wird eine Substanz verboten, wird die Zusammensetzung leicht verändert und erneut verkauft.« Was bleibt: Aufklärung - und auf den Gesetzgeber hoffen.

Das Magazin Vice hatte einen Dealer in Gießen mit der Kamera begleitet. Er ließ sich in einer Wohnung beim Verpacken sowie in einem Hochhaus in der Weststadt beim Verkauf von großen Mengen Drogen filmen - und warnte vor mit synthetischen Cannabinoiden gestrecktem Cannabis. Dies mache abhängiger und sei gefährlicher als herkömmliches »Gras«. Dem Rauschgiftkommissariat K 34 des Polizeipräsidiums Mittelhessen ist dieser Umstand bekannt. »Bei synthetischen Cannabinoiden handelt es sich um von der Gefährlichkeit und dem Abhängigkeitspotenzial her mit Opioiden, starken Stimulanzien oder Benzodiazepinen vergleichbaren Substanzen«, sagt Behördensprecher Jörg Reinemer. Bei deren Konsum könne es zur Überdosierung kommen. Mögliche Folgen: Krampfanfälle und Angstzustände. »Es gibt auch Todesfälle im Zusammenhang mit dem Konsum von Cannabinoiden.« Dass in Gießen vermehrt gestrecktes Cannabis verkauft wird, sieht die Polizei nicht.

In Gießen: Polizei warnt vor synthetischen Cannabinoiden

Dass es generell dazu kommt, hat wirtschaftliche Gründe: Drogenhändler kaufen Marihuana von minderer Qualität, für das sie weniger zahlen müssen. Da sie synthetische Cannabinoide oft ohne das Wissen der Konsumenten aufspritzen und so die Wirkung erhöhen, wird dem Abnehmer eine bessere Qualität suggeriert. So lassen sich die Drogen teurer verkaufen. Zudem führt die mögliche körperliche Abhängigkeit dazu, immer wieder das »behandelte« Marihuana zu kaufen.

Bis etwa 2005 sei das hier zu kaufende, meist in Holland im Gewächshäusern angebaute »Gras« relativ mild gewesen, sagt Jensen. Zu dieser Zeit hat der seit 1996 tätige Suchtberater eine Entkriminalisierung der Droge für möglich gehalten. Mittlerweile ist er davon abgerückt. »Mehr Konsum bedeutet, dass mehr Menschen Probleme haben. Und die kommen dann zu uns.« Seine subjektive Wahrnehmung: Es gebe in diesem Zusammenhang eine Zunahme an Psychosen. Auch deshalb, weil manche nicht wüssten, was sie da wirklich zu sich nehmen.

Eine Rolle spielen dabei Legal Highs. Die heißen so, weil sie gesetzlich noch nicht erfasst sind. Es handelt sich um psychoaktive, synthetische Wirkstoffe. Konsumenten können sie über Onlineshops im Internet kaufen. Manche werden mit einer Abfolge aus Buchstaben und Zahlen vordergründig für Forschungszwecke angepriesen. Im nicht klein gedruckten Kleingedruckten wird dann aber die Rauschwirkung beschrieben. Was die Produkte aber genau beinhalten und welche Folgen der Konsum hat, ist unbekannt. Wer sie nimmt, riskiert einen Rausch im Blindflug.

Legal Highs: Hersteller verändern nach Verbot Substanzen in Nuancen

Das Problem, betont Jensen: Die psychoaktiven Substanzen sind vor allem für Jugendliche leicht verfügbar, da die Hersteller eine Gesetzeslücke ausnutzen. Im Betäubungsmittelgesetz ist abstrakt festgehalten, dass zum Beispiel der Besitz, die Einfuhr oder der Anbau von Drogen unter Strafe steht. Um welche Substanzen es sich handelt, wird in Verordnungen aufgelistet. Das Problem: Wird eine Substanz dort aufgenommen und damit verboten, wird sie von den Herstellern in leicht abgewandelter Form wieder auf den Markt gebracht. Die Folge; Ein Katz- und Mausspiel. »Der Staat hinkt hinterher, aber das muss er nicht«, sagt Dr. Bernd Hündersen, Geschäftsführer des Suchthilfezentrums. In Österreich sei das Betäubungsmittelgesetz so geändert worden, dass dort nicht die exakte Formel des psychoaktiven Stoffes genannt werden muss - im Gegensatz zu Deutschland, sagt er. Dieser Wettlauf ist aktuell schwer zu gewinnen, auch wenn der Gesetzgeber 2016 auf die Problematik mit dem Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz reagiert hat. Experten schätzen, dass jede Woche eine neue Designerdroge auf den Markt kommt. »Uns bleibt nur die Aufklärung«, sagt Jensen: über Institutionen wie Schulen und Jugendzentren, in Gesprächen mit Betroffenen und Angehörigen

Dass zum Teil der Respekt vor Drogen nicht mehr da sei, wie Hündersen sagt, ist nur ein Teil des Problems. Hinzu komme »die Reklamewelle« für legale Cannabidiol-Produkte. Diese senke die Hemmschwelle, über andere Kanäle an ähnliche Produkte zu gelangen, die gar nicht so harmlos sind. »Manchmal sind die Konsumenten unbedarft«, sagt Jensen. Aber auch für Informierte kann der Rausch gefährlich sein. Jensen muss an einen jungen Mann denken, der MDPV konsumiert hat - eine heute verbotene Designerdroge. »Ein intelligenter Mensch«, sagt er, »aber nun kann er sich nicht einmal mehr die Schuhe zubinden.«

Info: Suchthilfezentrum Gießen

Das Suchthilfezentrum Gießen ist ein Verein mit öffentlichem Auftrag. Finanziert wird er zum Teil mit Geldern von Stadt und Landkreis Gießen, aber auch über Angebite Angebote wie Betreutes Wohnen oder ambulante Therapie. Pro Jahr werden 1300 bis 1700 Menschen betreut. 15 Suchtberater führen jedes Jahr etwa 10 000 Gespräche mit Betroffenen und Angehörigen.

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