Der Prozess findet in der Kongresshalle statt. FOTO: KHN
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Der Prozess findet in der Kongresshalle statt. FOTO: KHN

Drogenprozess geht in die Verlängerung

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Gießen(khn). Das Urteil im Prozess gegen die mutmaßlichen Köpfe von Deutschlands größtem Drogenhandel im Internet, Chemical Revolution, sollte noch in diesem Jahr gesprochen werden. Daraus wird nichts: Bis Ende April 2021 sind weitere Verhandlungstage angesetzt worden. Das liegt unter anderem an den Aussagen eines Angeklagten und an der Ermittlungsarbeit des Bundeskriminalamts im Vorfeld des Verfahrens.

Der Auftakt des Prozesses Anfang August gegen sieben Männer zwischen 25 und 44 Jahren hatte bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Das liegt zum einen an der Dimension des Falles: Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wirft den Angeklagten bandenmäßigen unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vor. Es geht unter anderem um 130 Kilo Amphetamin, 42 Kilo Cannabis, sechs Kilo Kokain und neue psychoaktive Stoffe. Innerhalb von eineinhalb Jahren sollen sie etwa 1 Million Euro in Form der Kryptowährung Bitcoin erlangt haben.

Zum anderen ist die Geschichte dieser Gruppe eine filmreife: Da haben sich Männer über eine Darknet-Börse für krumme Geschäfte kennengelernt und ziehen in bester Netflix-Serienmanier einen Onlinedrogenhandel auf. Einige leben in Saus und Braus, machen kostspielige Urlaube, leisten sich teure Autos oder eine Villa auf Mallorca. Gleichzeitig geben sich einige von ihnen als Drogen-Revoluzzer und -Rock’n’Roller aus. Ab Anfang 2018 jedoch waren ihnen das Bundeskriminalamt (BKA) und die früher in Gießen und mittlerweile in Frankfurt ansässige Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität auf den Fersen.

Zu Beginn hatten vor allem die beiden Frankfurter Anwälte von Daniel B., der unter dem Pseudonym "Joko" als Kopf der Gruppe agiert haben soll, immer wieder durch allerlei Anträge das Verfahren gebremst. Fahrt nahm der Prozess erst durch die Einlassungen von zwei Angeklagten auf: Ein 30 Jahre alter Deutscher schilderte, wie er die Drogen in Ferienwohnungen - unter anderem in Ortenberg - gelagert, verpackt und verschickt hatte. Und Arkadiusz D., der die Kontakte zu Drogenhändlern aufgebaut haben soll, belastete Mitangeklagte mit seiner Aussage schwer.

Bereits in einem früheren Verfahren in Mannheim hatte der in Polen geborene Niederländer im Rahmen der Ermittlungen gegen seine heutigen Mitangeklagten ausgesagt; dort ging es eigentlich um den Betrug mit nicht existierenden Ferienwohnungen. In dieser Akte, die nun auch im Gießener Prozess eine wichtige Rolle spielt, tauchen offene Fragen auf, die nun Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit von Arkadiusz D. haben. Deshalb muss die Strafkammer unter dem Vorsitz des besonnenen Richters Dr. Klaus Bergmann seinem Ermittlungsauftrag besonders aufmerksam und detailliert nachgehen. Sie muss klären: Was ist an den Aussagen des Angeklagten objektivierbar? Gleichzeitig haben die Verteidiger viele Angriffspunkte, um die Glaubwürdigkeit des 30 Jahre alten Mannes infrage zu stellen.

Mehr Puzzlearbeit

Hinzukommen handwerkliche Fehler von Ermittlern des Bundeskriminalamts, die eine ausführliche Befragung der Beamten nötig macht: Da wurde die Kommunikation mit Arkadiusz D. über einen Nachrichtendienst nicht zu den Akten gegeben. Oder: BKA-Beamte überließen es einer Übersetzerin, die von ihr übersetzten Chats zwischen Angeklagten nach Relevanz zu selektieren.

Die Puzzlearbeit geht also weiter: ab Ende Januar 2021.

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