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Shida Bazyar

»Drei Kameradinnen« klagen an

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Gießen (gl). Hani, Kasih und Saya sind in derselben Siedlung aufgewachsen und in tiefer Freundschaft verbunden. Als sie sich Jahre später wiedertreffen, wird ihnen bewusst, wie sehr ihr Alltag geprägt ist von missbilligenden Blicken, die man ihnen als Frauen mit fremdländischem Aussehen zuwirft, und den abweisenden Kommentaren, denen sie aufgrund ihrer Herkunft ausgesetzt sind.

Eine Nacht, in der Saya der Brandstiftung verdächtigt wird, bringt alles ins Wanken.

Am Beispiel der drei Frauen zeigt Autorin Shida Bazyar in ihrem Roman »Drei Kameradinnen«, dass sich Hetze und Hass, Rassismus und rechter Gewalt auch mit Solidarität und Vertrauen begegnen lässt. Im Buch bildet der bewusst fiktionalisierte NSU-Prozess und der verzehrende und der alles bestimmende Kampf Sayas gegen rechte Gewalt - die Basis der Geschichte.

Zorniger Ton und Ausgrenzung

»Ich wollte mit meinem Buch keine Serviceleistung machen, ich wollte es niemandem abnehmen, sich damit zu beschäftigen«, so die Autorin in einem Interview. Sie erzählt aus der Perspektive von Kasih, die trotz ihrer guten Ausbildung keine passende Stelle findet und ihrem Ex-Freund hinterhertrauert, ohne chronologische Reihenfolge und in durchaus anklagendem Ton: »Ich mache ohne Reihenfolge weiter, ihr Deutschlehrer und Deutschlehrerkinder. Es ist intellektuell schon auch zumutbar, dass ich nicht bei A anfange und bei heute Nacht aufhöre.« Ein zorniger Ton, der beim Lesen auch durchaus Widerspruch erzeugt. Es sei »ein kluger und wichtiger Roman, der einem beim Lesen gleichzeitig über die Wange streichelt und einen Kinnhaken verpasst«, lobt entsprechend Schriftsteller Pierre Jarawan.

Es habe keinen Zweck, weiterzuschreiben, spricht Bazyar im Buch ihre Leser direkt an, »denn ich versuche mir permanent vorzustellen, wer ihr seid, während ihr euch vorzustellen versucht, wer wir sind. Wir sind nicht so anders als ihr. Das denkt ihr nur, weil ihr uns nicht kennt.« Bazyar gibt aber im Gegenzug kaum Hinweise zur ethnischen Herkunft der Frauen. »Ihr wartet auf den Moment, in dem ich erkläre, wer von uns aus welchem Land kommt. Das nämlich müsst ihr wissen, bevor ihr euch in uns hineindenken könnt«, heißt es stattdessen. Der Titel »Drei Kameradinnen« spielt dabei an auf Erich Maria Remarques Roman »Drei Kameraden«, in dem sich drei Männer nach dem Ersten Weltkrieg durch die Wirren Berlins kämpfen. Nun sind es Hani, Kasih und Saya, die sich durch die aus ihrer Sicht von Ausgrenzung und Rassismus geprägte deutsche Gegenwart kämpfen.

Shida Bazyar wurde 1988 als Kind iranischer Eltern in Hermeskeil geboren. Nach ihrem Studium des Literarischen Schreibens in Hildesheim zog sie nach Berlin. Sie veröffentlichte Kurzgeschichten in Zeitschriften, war Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung und des Klagenfurter Literaturkurses 2012. »Drei Kameradinnen« ist nach ihrem Debüt »Nachts ist es leise in Teheran« ihr zweiter Roman. FOTO: TREICHEL

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