Putziger Plagegeist

Dramatische Waschbär-Rettung

  • schließen

In Gießen werden immer häufiger Waschbären gesichtet. Am Mittwoch verursachte ein Exemplar eine dramatische Rettungsaktion.

Dienstagabend im Nelkenweg: Manfred Rudolph sitzt gemütlich vor dem Fernseher. Plötzlich hört er vor der Haustür ein Geräusch. Der Senior schaut nach, entdeckt jedoch nichts. Erst, als er den Blick nach oben richtet, wird er fündig. Ein Waschbär hat sich im Wipfel einer Lärche eingenistet. "Inzwischen sitzt er schon seit über 16 Stunden dort", sagt Rudolph am nächsten Morgen. Die Sichtung des Tieres ist der letzte Beweis für einen Verdacht, den Rudolph schon länger hatte: Im Blumenviertel treiben Waschbären ihr Unwesen. "Ich habe schon Tapsen auf dem Dach gehört. Außerdem habe ich ungewöhnlichen Kot im Garten gefunden. Und: Eines Morgens war das Vogelhäuschen zerstört." Der Waschbär ist also in der Stadt angekommen – und mit ihm auch einige Probleme.

Gefährlich für den Menschen

Die Bezeichnung "Räuber" tragen die putzigen Tiere nicht nur wegen ihrer markanten Maske. Sie plündern mit Vorliebe Nester von Vögeln. Doch auch der Mensch sollte den Waschbären nicht zu nahe kommen. Laut Hans-Peter Ziemek, Professor am Institut für Biologiedidaktik der JLU, können die Tiere Tollwut und den Fuchsbandwurm auf den Menschen übertragen. Außerdem seien viele Exemplare der hessischen Population mit Waschbärspulwürmern infiziert. Doch nicht nur die Gesundheit kann in Mitleidenschaft gezogen werden. Oftmals nisten sich die Tiere auf Dachböden ein und zerstören die Dämmung. Neben Brandenburg gilt Hessen als stärkstes Verbreitungsgebiet. Vor allem in Kassel sind sie heimisch, sie haben inzwischen das ganze Stadtgebiet erobert. Grund: Am nahe gelegenen Edersee wurden bereits 1934 vier Exemplare ausgesetzt.

Jagen: Ja oder Nein?

Wie – oder besser gesagt ob – man der Plage Herr werden kann, ist umstritten. Während Jäger die Schonzeit gerne verkürzen oder abschaffen würden, betonen Tierschutzverbände, dass die Bejagung nichts bringe. Denn die Tiere würden die Bestandsverluste durch größere Würfe wieder ausgleichen. Ohnehin sei das Nahrungsangebot der entscheidende Faktor für die Population – und Nahrung finden die Waschbären in Wohngebieten mehr als genug.

In Kleinlinden beispielsweise haben sich schon mehrere Tiere in alten Scheunen eingenistet. Sie lassen sich das für die Katzen herausgestellte Futter schmecken und machen sich über die Komposthaufen her. Auch in der Kernstadt müssen die Tiere nicht hungern, Biotonnen sind für sie ein gefundenes Fressen. Zuletzt wurde ein Exemplar im Schlangenzahl-Viertel gesichtet. Und jetzt eben bei Herrn Rudolph im Nelkenweg.

Sturz von der Drehleiter

"Wobei wir in der Innenstadt bisher nur sehr selten Sichtungen registriert haben", sagt Dr. Gerd Hasselbach, Leiter des Amts für Umwelt und Natur in Gießen. Dass ein Tier wie im Nelkenweg über solch einen langen Zeitraum auf einem Baum verweile, sei äußerst ungewöhnlich. "Vielleicht ist er krank. Oder er wurde von einem Hund hinauf gejagt." Eine Vermutung, die sich am Nachmittag bestätigen sollte.

"Die Feuerwehr ist gerade angerückt. Sie holen das Tier jetzt runter", vermeldet Rudolph am Telefon. Kurz darauf setzt sich die Drehleiter auch schon in Bewegung. Währenddessen erzählt einer der Einsatzkräfte, ein Nachbar hätte beobachtet, wie ein Hund den Waschbären auf den Baum gejagt habe. "Jetzt traut er sich wohl nicht mehr runter." Das scheue Tier rückt derweil immer weiter von den Drehleiter weg. Kurz bevor die Einsatzkräfte den Waschbären schnappen können, stürzt er zehn Meter in die Tiefe. Durch Äste und einen Busch wird sein Sturz aber abgefedert. Unten angekommen schüttelt er sich kurz und hoppelt geschwächt davon. Sollte er nur hungrig gewesen sein, wird der Waschbär sicher schnell wieder zu Kräften kommen. Zu fressen gibt es in der Stadt schließlich genug.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare