Dieser Waldeingang an der Fröbelstraße wird geschlossen. Grund sind brüchige Bäume entlang des rund 300 Meter langen Diagonalwegs, der hinab in den Philosophenwald führt. FOTO: SCHEPP
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Dieser Waldeingang an der Fröbelstraße wird geschlossen. Grund sind brüchige Bäume entlang des rund 300 Meter langen Diagonalwegs, der hinab in den Philosophenwald führt. FOTO: SCHEPP

Problem Trockenheit

Baum-Drama im Gießener Philosophenwald

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Der Philosophenwald in Gießen leidet unter massiven Trockenschäden. "Wir haben eine dramatisch schlechte Situation", sagt Stadtförster Ernst-Ludwig Krieb. .

Transparent informieren ohne zu dramatisieren": Dieses Motto gab am Donnerstagabend im Stadtverordnetensitzungssaal Stadträtin Gerda Weigel-Greilich bei der Informationsveranstaltung zur Situation im Philosophenwald aus. Aber während der knapp eineinhalb Stunden brach es aus der Umweltdezernentin und Stadtförster Ernst-Ludwig Krieb doch immer wieder heraus. "Dramatisch", "schlimm", "katastrophal" lauteten die Vokabeln, um zu beschreiben, was in den letzten Jahren nicht nur im Philosophenwald passiert ist. "Waldwirtschaft ist Katastrophenmanagement geworden", sagte Krieb.

Im Philosophenwald indes geht es nicht um Bewirschaftung, sondern Erhalt und Sicherung eines Waldes, der mit seinem jahrhundertealten Baumbestand einen einzigartigen und weit über Gießen hinaus bekannten Lebensraum für Fledermäuse darstellt. Hinzu kommt die intensive Nutzung als Naherholungsraum durch die Bewohner des Eichgärtenviertels und der Evangelischen Siedlung. Um insbesondere sie zu schützen, sollen im September weitere Wege "verödet" und zeitweise gesperrt werden, um Bäume zu fällen und Astwerk zurückzuschneiden, kündigte Krieb an. Grund sind die massiven Trockenschäden, die dem Holz die Spannkraft rauben. "Da reicht der Wind ein kleineres Unwetter wie in dieser Woche, und das Holz bricht", erklärte der Stadtförster.

Wie Weigel-Greilich berichtete, habe sich die Situation in den beiden ersten heißen und exrem trockenen Augustwochen "noch einmal dramatisch verschlechtert". Die Hoffnung, einen "normalen Sommer mit normalen Niederschlägen" zu bekommen, habe sich als Illusion erwiesen, ergänzte Krieb und verwies auf das bereits extrem trockene Frühjahr mit viel Sonne und Wind. Bis in zwei Meter Tiefe stoße man nicht auf Feuchtigkeit in den Waldböden. Folge sei eine "dramatische Vitalitätsverschlechterung", die er "so noch nicht erlebt" habe.

Einige Bäume werden gefällt

Im Philosophenwald müssen nun über 40 große Bäume an Wegen und der Fröbelstraße ausgelichtet und weitere acht gefällt werden. Dauerhaft geschlossen wird ein Weg, der bislang an der Ecke Fröbelstraße/Philosophenwald in das kleine Waldgebiet führt. "Da fallen etwa 300 Meter Weg weg", sagte Krieb. Im September sollen dann innerhalb von zwei Wochen weitere Wege gesperrt werden, wenn die fragilen Bäume ausgelichtet werden. Diese Wege werden danach wieder begehbar sein.

Zu der Veranstaltung im Rathaus, zu der sich Interessierte wegen der Corona-Problematik hatten anmelden müssen, waren nur knapp zehn Anwohner erschienen. Ein Anwohner monierte, dass die Einladung der Stadt über eine Presseinformation zu kurzfristig erfolgt sei. Ungeachtet dieser Kritik haben die Anwohner offensichtlich kein Problem mit den Maßnahmen im Wald.

Das war vor elf Jahren noch anders, als das Liegenschaftsamt und der Forstbetrieb ein Pflegekonzept im Philosophenwald umsetzten, viele kleine Pfade sperrten und Schilder aufstellten. Bei einer Bürgerversammlung im vollbesetzten Saal des Albert-Osswald-Hauses ging es damals "hoch her", erinnerte sich Weigel-Greilich vorgestern Abend. Damals indes stand die Besucherlenkung im Vordergrund, um die wertvollen "Habitatbäume" zu schützen. Unter anderem wurden mächtige Tothölzer verwendet, um etliche kleine Trampelpfade zu blockieren. Das zahle sich jetzt aus, weil diese Baumleichen Feuchtigkeit speicherten, erläuterte Krieb. Nun geht es indes nicht um den Umgang mit dem Freizeitdruck, sondern um das Überleben einer grünen Oase in der Stadt.

Der Stadt Gießen gehören nicht nur 1800 Hektar Wald, sondern auch 23 500 sogenannte Stadtbäume. Auch dieser Bestand steht natürlich unter dem Druck des Klimawandels, aber auch der Verkehr, Versorgungsleitungen und Hundeurin setzen den Bäumen zu, berichtete Benjamin Lakowski vom Gartenamt. "Ich möchte kein Stadtbaum sein", sagte der Baumexperte. Unter dem Aspekt Überhitzung wachse die Bedeutung der Stadtbäume für das Stadtklima. Den Bestand zu schützen und weiterzuentwickeln sei eine "richtig große Herausforderung", die sich nicht an jedem Standort mit dem Einbau unterirdischer Wasserspeicher (Rigole) bewältigen lasse, erläuterte Lakowski.

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