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Historische Aufnahme der 1912 bezogenen Kinderklinik in der Friedrichstraße. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. (Repros: dkl)

Doppeljubiläum zum Kindeswohl

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1899 öffnete in Gießen die erste private Kinderpoliklinik, 1909 die Großherzogliche Zentrale für Mütter- und Säuglingsfürsorge. Ziel war es, eine Kinderklinik zu erbauen. Im Zentrum des Engagements stand der erste Gießener Kinderarzt: Hans Koeppe.

Der Geburtenrückgang im Deutschen Reich nahm Ende des 19. Jahrhunderts bedrohliche Formen an. Dazukam die hohe Säuglingssterblichkeit, die auch gesellschaftliche Ursachen hatte. Denn zunehmend waren Frauen durch Armut gezwungen schnell wieder arbeiten zu gehen. Die Säuglinge bekamen Ersatznahrung, was ihre Widerstandskraft gegen Infektionen senkte und zu erheblichen Mangelerscheinungen führte, bis hin zum Tode. Gängige Medizinermeinung war damals, dass es sich um natürliche Auslese handele.

Einer, der dagegen früh aktiv in Wort und Tat anging, war der Gießener Kinderarzt Dr. Hans Koeppe (1867-1939). 1892 kam der Leipziger das erste Mal nach Gießen, als Militärsanitäter, und lernte hier seine spätere Frau Auguste, Tochter des Chemieprofessors August Laubenheimer, kennen. 1894 ließ er sich in Gießen als Allgemeinarzt nieder, arbeitete parallel an seiner Habilitation zu einem pädiatrischen Thema.

Ersatz für Muttermilch

Am 1. Mai 1899 eröffnete Koeppe seine private Poliklinik für kranke Kinder - im ehemaligen Laboratorium von Röntgen im Hinterhof der Frankfurter Straße 10. Dazu gehörte von Anfang an das Angebot der Mütterberatung in Hygiene und Ernährung, wobei Letzteres ein Plädoyer für Muttermilch war. Als Koeppe 1907 zum Professor der Kinderheilkunde ernannt wurde, hielt er auch seine Vorlesungen in der Poliklinik. Die Verhältnisse waren denkbar beengt.

Im Januar 1906 hatte der Verein für Armen- und Krankenpflege auf Initiative Koeppes, der im Vorstand war, eine Abteilung für Säuglingsfürsorge gegründet. Ziel war ein Säuglingsheim. Da die Finanzierung schwierig war, begann man mit einer "Milchküche mit Mütterberatungsstelle", zunächst angegliedert an Koeppes Kinder-Poliklinik.

Geeignete eigene Räume fanden sich schließlich auf dem städtischen Grundstück Wetzsteingasse 43, das von der Stadt mietfrei überlassen wurde. Im Mai 1907 begann dort die Arbeit. In der Milchküche wurde Kuhmilch unter hygienischen Bedingungen gereinigt und abgekocht. Die Ställe der liefernden Betriebe wurden kontrolliert und die Milch im Labor auf Bakterien untersucht. Die sterilisierte Milch wurde zu unterschiedlichen Anteilen mit Mehlabkochungen (Haferschleim) vermischt und nach ärztlicher Rezeptur an die Frauen ausgegeben.

Nicht alle zugewiesenen Mütter blieben dabei, sei es aus Unwissenheit, wegen des Aufwands oder der Kosten. Andere Frauen bezogen dort fast zehn Monate lang die sterilisierte Milch. Die Ausgabe nur nach Rezeptur wurde von manchen beklagt, doch erreichte man darüber, dass die Kinder regelmäßig einem Arzt vorgestellt wurden. Eine wichtige begleitende Aufgabe hatte die Mütterberatungsstelle.

Ein Jahr später wurde im Mai 1908 im Obergeschoss des Hauses Wetzsteinstraße ein Säuglingsheim eingerichtet, das von der kinderlosen Industriellengattin Therese Heyligenstaedt unterstützt wurde. Das Heim hieß bald Theresen(Kinder)heim. Es wurden nur gesunde, schwächliche Kinder aufgenommen, jedoch keine kranken. Dies führte zum Bruch mit Koeppe. Das Heim wurde 1931 geschlossen.

Für sein großes Ziel, die Eröffnung einer Kinderklinik, fand Koeppe schließlich Unterstützung an allerhöchster Stelle. Großherzog Ernst Ludwig und seine Frau Eleonore aus dem Haus Solms-Hohensolms-Lich gründeten aus Anlass der Geburt ihres ersten Sohnes Donatus im Dezember 1908 eine entsprechende Stiftung. Die "Großherzogliche Zentrale für Mütter und Säuglingsfürsorge in Hessen" stand ab 1909 unter Leitung von Koeppe. Ziel war die Säuglingsfürsorge, aber auch die Einbindung der Kinderheilkunde in die Universitätslehre und der Bau einer Kinderklinik.

Schule für Säuglingspflege

Am 1. September 1912 konnte der Neubau der Kinderklinik in der Friedrichstraße 16 bezogen werden. Die (ehrenamtliche) Leitung übernahm Koeppe, dazukamen zwei Assistenzärzte. In dem dreistöckigen Gebäude waren neben Krankenzimmern, Mütterberatungsstelle und Poliklinik, auch die Verwaltung und der Hörsaal für Studenten untergebracht. Im Dachgeschoss gab es Reservekrankenzimmer und Zimmer für die Krankenschwestern. Mit dieser Klinik war nämlich auch die Gründung einer Schule zur Ausbildung in der Säuglings- und Kinderkrankenpflege verbunden.

Die Übernahme in die Verwaltung der Universitätsklinik geschah Anfang April 1916, auch das Gebäude wurde wenige Jahre später von der Stiftung gekauft. Die Bombardierung Ende des Zweiten Weltkriegs zerstörte die erste Gießener Kinderklinik, sie wurde an anderer Stelle neu errichtet. Koeppe fand seine letzte Ruhestätte auf dem Alten Friedhof, im Familiengrab Laubenheimer an der Ostmauer.

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