+
Karen Duve liest im Netanyasaal. (jou)

Doppelaffäre mit unliebsamen Konsequenzen

  • schließen

Gießen (jou). Auf rege Resonanz stieß im Rahmen des Kultursommers Mittelhessen die vom Literarischen Zentrum veranstaltete Lesung der Autorin Karen Duve. Im gut gefüllten Netanyasaal stellte sie ihren neusten Roman "Fräulein Nettes kurzer Sommer" vor. Kern der Geschichte ist die "Jugendkatastrophe" der 23-jährigen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, die sich zu zwei Männern zugleich hingezogen fühlte.

Wie Duve im Gespräch mit Moderatorin Martina Gust unterstrich, habe sie versucht, "historisch genau zu sein". Dabei sei sie einem strengen Plan gefolgt, welche Person wann wo war; manche Szenen seien nach diversen Quellen eins zu eins übertragen, andere erfunden; letztere bewegten sich indes stets "im Bereich des historisch Möglichen".

Gut nachvollziehbar schildert Duve das Leben der kränklichen Dichterin, die 1797 das Licht der Welt erblickt. Zur Zerbrechlichkeit hinzukommt ein störrisches Wesen, wie im Verlauf deutlich wird. Zum Vorschein tritt eine kritische Haltung gegenüber überholten Geschlechterrollen: Mit ihren sich der Handarbeit widmenden Tanten kann Annette sich kaum identifizieren, sieht ihre Bestimmung vielmehr im schöpferischen Wirken.

Mehr und mehr eigenwillige Züge

Bei der erwachsenen Dichterin zeigen sich mehr und mehr eigenwillige Züge; mitunter neigt sie zu aufdringlichem Verhalten, wie Duve einfühlsam beleuchtet. 1818 lernt sie den Schriftsteller Heinrich Straube kennen, der mit ihren Stiefonkeln befreundet ist. Schon bei der ersten Begegnung beleidigt sie ihn und bekommt für ihre Boshaftigkeit gegenüber dem freundlichen Mann ein schlechtes Gewissen. Straube bekundet Interesse für ihr dichterisches Talent. Doch neben ihm verliebt sich auch der schöne August von Arnswaldt in sie.

Besonders faszinierend an der sensiblen Protagonistin scheint, wie sich in ihr Übermut und Selbstzweifel mischen. Diese Launenhaftigkeit vermittelt Duve recht eindringlich. Als sich herumspricht, dass Annette mit zwei Männern eine Affäre hat, sieht sie sich mit starren Konventionen konfrontiert, muss sich Moralpredigten ihrer Mutter wie Oma anhören. Gerade Straube hätte sich aus Sicht der Angehörigen wegen seiner bürgerlichen Herkunft kaum Hoffnungen machen sollen.

Der gelungenen Lesung schloss sich ein anregendes Publikumsgespräch an. Duves Ausführungen zeugten von intensiver Auseinandersetzung mit der Biografie der Dichterin. Die brach mit ihrer Frechheit, sich selbst in den Vordergrund zu spielen, ein gesellschaftliches Tabu, bemerkte sie; im 19. Jahrhundert hätten Frauen vielmehr Männer zum Glänzen bringen sollen. Auch unter diesem Aspekt war Annette von Droste-Hülshoff also weit ihrer Zeit voraus.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare