Doch noch Doktortitel für Unternehmer?

  • Guido Tamme
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Gießen (ta). »Als Laien können wir uns keine fundierte Meinung bilden, wenn sich zwei Fachleute auf humanmedizinischer Basis streiten«, räumte der Vorsitzende Richter Dirk Rossbach freimütig ein. Am Ende der mündlichen Verhandlung vor der 3. Kammer des hiesigen Verwaltungsgerichts in einem ungewöhnlichen Streitfall stand am Dienstag ein Vergleich: Die Justus-Liebig-Universität muss ein neues Gutachten in Auftrag geben für eine alte Doktorarbeit, deren Annahme sie bisher wegen erheblicher fachlicher Mängel abgelehnt hatte.

Der Kläger war 1990 als externer Doktorand vom heimischen Fachbereich Veterinärmedizin angenommen worden. Seine Doktorarbeit, in der es um die Erkennung von Antikörpern durch In-vitro-Immunisierung ging, stellte er dann aber damals im Fachbereich Humanmedizin der Universität Göttingen fertig.

Damit war das Thema für über 20 Jahre erledigt, ehe der Verfasser - inzwischen längst Vorstand eines Biotechnologie-unternehmens in Duisburg - 2011 seine Dissertation in Gießen einreichte. Die JLU-Veterinärmediziner empfahlen die Ablehnung. Es folgten eine Mediation und ein Verwaltungsgerichtsstreit. Bei dem wurde schließlich 2015 vereinbart, dass der Göttinger Virologe, in dessen Labor die Doktorarbeit entstanden war, sowie ein Virologe und ein Hygieniker der JLU die Dissertation begutachten sollen. Der externe Gutachter bewertete sie mit »summa cum laude«, der JLU-Professor erkannte »erhebliche Mängel«. Im April 2016 lehnte deshalb der Promotionsausschuss der Universität einmütig die Verleihung eines Doktortitels ab. Gutachten Nr. 3 war nicht in Auftrag gegeben worden.

Beurteilungsfehler eingeräumt

Erst mit mehrmonatiger Verspätung reichte der Kläger Widerspruch gegen die Ablehnung und dann seine Klage ein. Sein Hauptvorwurf: Der JLU-Virologe besitze zu wenig Fachkenntnisse in Immunologie und Mikrobiologie, um die Arbeit fachgerecht bewerten zu können. Deshalb habe er einzelne Sachverhalte nicht richtig dargestellt oder nicht erfasst. Zudem dürften heutige wissenschaftliche Maßstäbe nicht an eine Arbeit aus dem Jahr 1990 angelegt werden. Fazit des Klägers: »Als ob man einen Geigerzähler mit Sonnenlicht testen und dann behaupten würde, dass er für radioaktive Strahlung funktioniert.«

Die JLU-Rechtsabteilung holte im vergangenen November eine neuerliche Stellungnahme des Virologen ein, der in einem Detail einen Irrtum einräumte. Insgesamt aber bei seiner klaren Ablehnung blieb.

Ob ein Beurteilungsfehler vorliegt, weil der JLU-Gutachter von unrichtigen Sachverhalten ausging, könne nur ein Sachverständiger bewerten, betonte Richter Rossbach angesichts dieser Frontenstellung. Die Alternative zur Fortsetzung des Verfahrens könne aber ein Vergleich sein: Das angegriffene Gutachten wird für gegenstandslos erklärt und die JLU legt binnen vier Monaten ein weiteres vor, auf dessen Grundlage dann Promotionausausschuss und Fachbereichsrrat über die Annahme der Dissertation entscheiden.

Diese Kröte schluckte Justiziar Axel Globuschütz schließlich - auch angesichts des Kostenrisikos und der Gefahr, dass eine Negativbeurteilungdem Ansehen des Uni-Virologen schaden könnte.

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