Dirigent Florian Ziemen im Porträt

Florian Ziemen ist Erster Kapellmeister am Stadttheater Gießen. Am Samstag, 2. Februar, wird er dort die mit Spannung erwartete Opernausgrabung "Fosca" dirigieren.

Wirken muss sie. In allen Facetten. Ansonsten war jede Mühe vergebens. Wenn Gießens Erster Kapellmeister Florian Ziemen über Musik spricht, gelangt er über kurz oder lang zu dem Begriff Wirksamkeit. Er meint damit den ursprünglichen Gehalt, den Tiefgang, der jeder Komposition innewohnt. Ihn gilt es, der Partitur abzuringen. Authentizität heißt das Schlüsselwort dazu. Sie ist Ziemens oberstes Ziel. Danach richtet der 37-Jährige sein Streben aus.

Wenn die Musik nicht wirkt beim Rezipienten, hat der Dirigent etwas falsch gemacht. Doch wie gelingt es Ziemen, alles richtig zu machen, wie schafft er es, dass die Musik wirkt?

"Es fängt bei der genauen Kenntnis einer bestimmten Stilistik an", sagt der Maestro und ist damit bereits mitten in der Arbeit. Mitten in der Einstudierung, die er im Detail mit den Musikern bespricht oder mithilfe eines externen Coachs zu realisieren versucht. "Ich achte darauf, dass wir ein gemeinsames Ziel verfolgen. Dieses Ziel wollen und müssen wir erreichen."

Ziemen ist ein Garant für historische Aufführungspraxis. In der Barockmusik kommt dann gern mal das Naturhorn zum Einsatz. In der Klassik, wie jüngst beim Mozart-Violinkonzert im großen Haus (wir berichteten am 17. Januar), belebt der Dirigent am Pult die Tempi und achtet auf die Bogenstriche, um die Takthierarchie zu wahren – wie es das Stück verlangt.

Auch für die Epoche der Romantik – "das 19. Jahrhundert ist mir wichtig" – gilt das Augenmerk der Detailarbeit. Auf diese Weise hat sich Ziemen dem brasilianischen Komponisten Antonio Carlos Gomes genähert, der in den 1860er Jahren in Italien seine Hochzeiten erlebte und im gleichen Atemzug mit Verdi genannt wurde, heute aber in Europa nahezu vergessen ist.

Neuerlich setzt Ziemen auf die Wirksamkeit der Musik, obwohl er bei Gomes zunächst handwerkliche Dinge bewältigen musste. Dessen hierzulande unbekannte Oper "Fosca" verlangte nach Basisarbeit.

"Wir hatten nur eine bescheidene Vorlage", umschreibt der Dirigent die Qualität der Partiturabschrift aus Brasilien, die voller Fehler steckte – wie schon die Orchesterfassung von "Lo schiavo", der ersten Gomes-Ausgrabung im Stadttheater vor zwei Jahren.

Sechs Monate hat Ziemen benötigt, um die kleinteilige Handschrift ins Lot zu bringen und mit dem Philharmonischen Orchester einen authentischen Sound einzustudieren. Wie das "Fosca"-Projekt klingt und ob die Musik ihre Wirkung entfaltet, können Interessenten ab dem Samstag, 2. Februar, miterleben. Dann steht die deutsche Erstaufführung um 19.30 Uhr im Großen Haus auf dem Programm. Mit Ziemen am Pult.

Da er in Gießen hoch motivierte Musiker vorgefunden hat, wechselte der Dirigent im Vorjahr von Bremen an die Lahn. "Auch weil ich hier alle Sparten dirigieren kann." Und nicht zuletzt gehört Generalmusikdirektor Michael Hofstetter zu seinen Vorbildern. Ihm ist er gern in die Universitätsstadt gefolgt. "Wie Michael Musik macht, das entspricht mir sehr.

" Da bot es sich an, im Sinne des Synergieeffektes mit demselben Orchester zu arbeiten. Dass Ziemen in Gießen der zweite Mann hinter Hofstetter ist, stört den jungen Musiker nicht: "Ich fühle mich wunderbar unterstützt von ihm."

Ziemen studierte ebenso wie Hofstetter in seiner Heimatstadt München – wo er unter anderem Produktionen an der Bayerischen Theaterakademie leitete – und anschließend an der Londoner Royal Academy of Music. Dort beendete er sein Studium mit den Schwerpunkten Klavier und Dirigieren als Master of music.

Sechs prägende Jahre führten Ziemen ans Essener Aalto-Musiktheater unter Stefan Soltesz, zunächst als Solorepetitor, dann als Zweiter Kapellmeister. Er schwang dort bei mehr als 100 Vorstellungen den Taktstock. Danach dirigierte er am Theater Bremen. Neben den Essener und Bremer Philharmonikern stand Ziemen bei den Bochumer Symphonikern, den Bergischen und den Münchener Symphonikern am Pult.

Das exakte stilistische Forschen ist ihm auch bei einem dafür eher ungewöhnlichen Sujet wichtig: der Operette. Seine jazzgetränkte Rekonstruktion von Paul Abrahams "Viktoria und ihr Husar" vom November spricht in Gießen Bände. Sie ist noch bis zum Juni im Programm.

In Karlsruhe hat Ziemen gerade als musikalischer Leiter bei Künnekes Operette "Vetter aus Dingsda" für mächtig Wirkung gesorgt. Genau das will er auch in Gießen: Wirkung mit seiner Art der Interpretation erzielen. Und zwar punktgenau.

Manfred Merz

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