Bis zu 90 Prozent aller Hochschulveranstaltungen laufen derzeit online. Doch in der anstehenden Prüfungsphase müssen sehr viele Studierende auch zu Klausuren vor Ort anreisen - daran scheiden sich in der Corona-Pandemie die Geister.		FOTO: DPA
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Bis zu 90 Prozent aller Hochschulveranstaltungen laufen derzeit online. Doch in der anstehenden Prüfungsphase müssen sehr viele Studierende auch zu Klausuren vor Ort anreisen - daran scheiden sich in der Corona-Pandemie die Geister.

Uni Gießen

Uni Gießen und THM: Regelungen für Prüfungen sorgen für Ängste - Hochschulen bitten um Verständnis

  • vonDaniel Beise
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Im zweiten Corona-Jahr schlägt das Thema abermals hohe Wellen: Die Prüfungsphase an den Hochschulen steht an. Gießener Studierende forderten kürzlich in Petitionen, auf Präsenzklausuren zu verzichten. Die Hochschulen bitten um Verständis. Von Ängsten, Erwartungen und Möglichkeiten an Hochschulen während einer Pandemie.

Das Thema Hochschulprüfungen ist derzeit bundesweit brisant. Das zeigt sich zum Beispiel an den vielen Zuschriften, die der bekannte Politik-Podcast »Lage der Nation« mit Jurist Ulf Buermeyer und Journalist Philip Banse kürzlich dazu erhalten hat. Studierende haben nicht nur Angst vor einer möglichen Infektion, sondern auch davor, dass dadurch die gesamte Prüfungsphase für sie passé wäre.

Auch eine Studentin der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) äußerte sich diese Woche frustriert, ihr zentraler Vorwurf: Die THM nehme die Bedenken vieler Studierender nicht ernst und reagiere nur mit knappen Antworten beziehungsweise auf eine Petition für Onlineklausuren bislang gar nicht. »Wir sind ratlos«, schreibt die Studentin.

Inzwischen hat die THM reagiert: »Die Hygieneauflagen für Prüfungen wurden nach intensiven Überlegungen des Krisenstabs noch mal verschärft«, sagt THM-Sprecher Malte Glotz. So wurden kurzfristig mehrere Zehntausend FFP2-Masken für die Prüflinge organisiert. Zudem bekommen sie keinen Fehlversuch eingetragen, wenn sie nicht antreten.

Ähnlich harsch klingt die Kritik von Studierenden der Justus-Liebig-Universität (JLU) in ihrer Petition: »Mehrere Hundert Studierende aus einer großen Vielzahl von Landkreisen fahren nach Gießen, um gemeinsam in einer geschlossenen Halle mehrstündige Klausuren zu schreiben. Dies ist in der aktuell desaströsen Lage in Hinsicht auf Corona weder sicher noch verantwortungsvoll.« Sie empfänden ihr gesundheitliches Wohl durch die JLU nicht wertgeschätzt.

Harte Worte, auf die das Präsidium der JLU vergangene Woche umgehend in einer Rundmail an Studierende und Beschäftigte reagiert hat: »Die JLU ist sich ihrer Verantwortung für die Gesundheit derjenigen Studierenden bewusst, die in diesen Wochen an Laborpraktika sowie Präsenzprüfungen teilnehmen.« Dafür hat auch die JLU FFP2-Masken geordert.

Überdies sei das Infektionsgeschehen durch bewährte Hygienekonzepte an der JLU sehr gering. Natürlich stehe es dennoch allen frei, Prüfungen nachzuholen. Die Fachbereiche versuchen, sie so zeitnah wie möglich wieder anzubieten. Die daraus resultierenden Verzögerungen könne die Uni allerdings nicht beeinflussen. Das Land Hessen plane zudem eine Verlängerung der Regelstudienzeit - wodurch Studierende zum Beispiel länger Bafög beziehen könnten. Tatsächlich ist dieses Vorgehen im Sinne des hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. Vor dem Semesterstart betonte es auf seiner Homepage: »Hochschulen sind Orte der Begegnung und des gemeinsamen Lernens, daher wird ein verstärkter Präsenzbetrieb an den Hochschulen in Hessen zum Wintersemester 2020/21 ermöglicht werden.« Natürlich nur unter den geltenden Hygieneregeln.

Auch Prüfungen sind nicht selten eine Form des »gemeinsamen Lernens«, wenn sie kommunikativ, praktisch oder zwischenmenschlich stattfinden. »Wir müssen berücksichtigen, dass ein Abschluss in einer Laborwissenschaft, in der Medizin oder in der Rechtswissenschaft gleichbedeutend damit ist, dass die geforderten (praktischen) Qualifikationen auch beherrscht werden«, gibt Prof. Verena Dolle, JLU-Vizepräsidentin für Lehre und Studium, im Gespräch mit dieser Zeitung zu bedenken. Ein Arzt ohne diagnostische Fähigkeiten, ein Laborant, der nicht mit Proben umgehen kann, seien sicher kein Ausbildungsziel.

Gleichwohl gibt es jedes Semester zahlreiche schriftliche Klausuren. THM-Student Luka Wiegand zum Beispiel fährt für fünf Prüfungen mit dem Auto von Gießen nach Friedberg. Der 27-Jährige studiert Logistikmanagement im neunten Semester. Im Gegensatz zu der eingangs zitierten Studentin macht er sich wenig Sorgen wegen einer Infektion. »Die THM hat große Hallen gemietet, Einzeltische aufgestellt, am Eingang sorgt eine Security für die Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln. Insgesamt macht die THM das ganz gut«, findet Wiegand. Klar - er muss nicht mit dem Zug anreisen und hat somit ein geringeres Infektionsrisiko. Aber das zeigt, wie unterschiedlich, wie individuell die Wahrnehmungen und Ängste sind. Gleichwohl verstehe der Student die Sorgen.

Sorgen, Bedenken, Unklarheiten sind meist auch die Argumente der Hochschulen gegen Onlineklausuren - und zwar in Sachen Datenschutz. Zu einer schriftlichen Klausur unter Aufsicht gebe es derzeit keine digitale Alternative ohne technische oder datenschutzrechtliche Probleme, betont die JLU-Spitze weiter. Ergebnisse vielversprechender Pilotprojekte an anderen Hochschulen müssten noch abgewartet werden, diese würden auch an der JLU ausgewertet.

»Datenschutz wird sehr oft als Gegenargument ins Feld geführt, wenn man Dinge technisch nicht auf die Reihe kriegt. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber oft, dass Datenschutz kein Problem ist«, kritisiert dagegen Jurist Buermeyer. Man müsse es eben nur »sauber machen«. Sauber heißt, dass Daten nur auf Basis einer Rechtsgrundlage mit strenger Zweckbindung erhoben, gespeichert und wieder gelöscht werden. Konkret: In der Einwilligung von Studierenden, dass sie während der Prüfung beispielsweise mit Mikro und Webcam aufgenommen, diese Mitschnitte ausgewertet werden, um Betrug auszuschließen, und anschließend wieder gelöscht werden, sieht Buermeyer datenschutzrechtlich keine Probleme. Aber er betont: Eine solche Einwilligung müsste freiwillig bleiben. Das heißt: Alternativ müssten Hochschulen Präsenzklausuren weiter anbieten. Buermeyer ist darüber hinaus Vorsitzender der Gesellschaft für Freiheitsrechte und kennt sich in dem Bereich aus. Von Proctoring-Systemen - also Software, die den gesamten Rechner des Prüflings überwachen, einschränken und sogar seinen Pupillen folgen kann (Eyetracking) - rät er dagegen jeder Hochschule ab: »Das ist extrem gruselig.« Wobei es auch hier Unterschiede gibt, wie massiv diese oder jene Software den Rechner überwacht.

JLU-Vizepräsidentin Dolle meinte, dass die Aufsicht über mehrere Hundert Teilnehmende via Webcam faktisch unmöglich ist. »Selbst die technische Stabilität von Online-Klausursystemen ist durch Updates, Abstürze und Probleme mit der Internetverbindung nicht für alle Studierende herstellbar. Hier drohen erhebliche Ungerechtigkeiten. Die Prüfungen wären aus rechtlichen Gründen vermutlich zu wiederholen.« Eines wird klar: Rechtlich ist noch vieles unklar. So hat das hessische Wissenschaftsministerium bereits angekündigt, mit einer Rechtsgrundlage für Onlineklausuren Klarheit zu schaffen.

Angesichts dieses Dauer-Krisenmodus darf man bei aller Kritik eine Sache nicht ignorieren: dass Lehrende sowie Lernende gerade in vielen Bereichen enorm kreativ werden. »Take-Home-Tests«, also Aufgaben, die man mit nach Hause nimmt und nach einer vorgegebenen Zeit wieder abgibt, sind zwar schon gängige Praxis. Doch diese Formate könnten sich nun weiterentwickeln und etablieren, wodurch Transferwissen und Interpretationsfähigkeit gegenüber reinem Faktenwissen an Bedeutung gewinnen würden. Das wird beispielsweise in den meisten Geisteswissenschaften ohnehin als wichtiger angesehen.

In der aktuellen Prüfungsphase jedenfalls wird es wohl - trotz aller Petitionen - laufen wie angekündigt. Damit die Noten rechtssicher und fair zustande kommen. »Die Alternative wäre daher keine digitale Prüfungsform, sondern ein Ausfall und damit die Verschiebung in das spätere Studium«, merkt Dolle an. Davon wären dann natürlich auch alle betroffen, die jetzt ihre Klausuren abhaken wollen.

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