Homeschooling bedeutet nicht nur digitalen Unterricht.
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Homeschooling bedeutet nicht nur digitalen Unterricht.

Homeschooling

Digitales Lernen: Chance für Gießens Schulen?

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Die Corona-Pandemie zwingt Lehrer und Schüler zu digitalem Lernen - auch am Gießener Landgraf-Ludwigs-Gymnasium. Darin besteht auch eine Chance.

Es gibt keinen schlechten Zeitpunkt für technische Verbesserungen. Dementsprechend kam die Einrichtung des Schulservers »IServ« am Gießener Landgraf-Ludwigs-Gymnasium (LLG) am 9. März zur richtigen Zeit - ohne dass es die Beteiligten wissen konnten. Denn wenig später verfügte das Land Hessen, alle Schulen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu schließen. »Die Kollegen waren vorher geschult worden, alle Schüler hatten dort E-Mail-Adressen und waren erreichbar, Kurse und Klassen konnten über IServ zusammengestellt werden«, sagt Christoph Metzger. Er ist Mathe-, Physik- und Science-Lehrer sowie als Administrator für den Schulserver des LLG verantwortlich.

Digitales Lernen in Gießen: Eltern und Schüler nicht überfordern

Krisen können manchmal wie ein Brennglas wirken. Im besten Fall jedoch auch wie eine Lupe, die Probleme sichtbar macht. So ist das wohl auch mit Covid-19 und den Schulen. Seit eineinhalb Jahren, sagt Metzger, passiere dort mehr im Bereich der Digitalisierung. Nun habe die Schulschließung jedoch aufgezeigt, dass die Einrichtungen bundesweit von einer sehr guten Ausstattung weit entfernt seien.

Sprung zurück in die ersten Wochen der Schulschließungen. Dank der Inbetriebnahme des Schulservers am LLG waren die technischen Voraussetzungen fürs sogenannte Homeschooling gegeben. Die Herausforderung, sagt Metzger, sei damals gewesen, den Umfang der Arbeitsaufträge passend zu gestalten - um Schüler und Lehrer nicht zu überlasten und gleichzeitig Lerninhalte zu vermitteln.

Digitales Lernen in Gießen: Homeschooling bedeutet unter anderem einen gehörigen Aufwand 

»In Mathe, Deutsch oder Sprachen kommt es durchaus vor, dass Buchaufgaben gestellt werden«, sagt Metzger. »Das wird aber spätestens dann schwer, wenn man neue Inhalte vermitteln will.« Also werden den Schülern auch externe oder selbst gedrehte Erklärvideos zur Verfügung gestellt oder über Videokonferenzen Lerninhalte vermittelt. Hinzu kommen Aufgaben, an denen die Schüler projektbezogen arbeiten: Sie haben zum Beispiel mehrere Tage für eine Aufgabe Zeit. Metzger beispielsweise hatte seine Schüler in Physik gebeten, das Phänomen der Polarlichter zu erforschen. Diese Art von Homeschooling bedeutet aber auch einen gehörigen Aufwand. Schüler wünschen sich Feedback. Nur kann es ganz schnell ganz schön lange dauern, wenn Lehrkräfte den Kindern und Jugendlichen ausführlich Rückmeldung geben müssen. Ein Telefonat besteht nicht nur aus »Gut gemacht« oder »Da hättest du drauf achten müssen«, sondern auch aus »Wie geht es dir?« und »Wie kommst du zurecht?« Deswegen, sagt Metzger, seien die Rückmeldungen manchmal pauschaler ausgefallen.

Digitales Lernen in Gießen: Wichtig ist, im Austausch zu bleiben 

Das soll nicht heißen, dass es keinen direkten Kontakt zwischen Schülern und Lehrern gibt. Im Gegenteil: Metzger erzählt, dass jeder Klassenlehrer seine Schüler anrufe. »Wichtig ist, im Austausch mit ihnen zu bleiben«, sagt der Lehrer: »Wir sind für euch da und denken an euch.« Denn nicht alle haben Zugriff auf einen stationären PC, einen Laptop oder ein großes Tablet. Ein Smartphone eignet sich jedenfalls nicht zum Arbeiten. Hinzu kommen die Geschwisterkinder, die ebenfalls auf die Technik zurückgreifen müssen. Mittlerweile gibt es am LLG ein Team, das gezielt Kontakt zu Schülern hält, die eben nicht über die technischen Voraussetzungen verfügen. Metzger sagt, das seien etwa 5 Prozent der 1000 Gymnasiasten.

Digitales Lernen in Gießen: Eine Frage der Chancengleichheit

Im Bezug auf die Chancengleichheit ist das Fehlen von Endgeräten in einem Haushalt ein großes Manko. »Das hat sich durch Corona extrem potenziert«, sagt Metzger - genauso wie die Frage, wie Eltern ihre Kinder unterstützen - oder unterstützen können. Um dem entgegenzuwirken, konnten die Schüler ohne eigenen Computer im Rahmen der Notbetreuung am LLG den PC-Raum nutzen oder sich ein Gerät der Schule ausleihen.

In diesem Zusammenhang ist es Metzger wichtig, auf ein weiteres Problem aufmerksam zu machen: die technische Ausstattung an vielen Schulen. »Wir am LLG haben zum Beispiel nur eine kleine DSL-Leitung« - und dies kann beispielsweise ein Problem beim Unterricht per Videokonferenz sein. »Wir brauchen außerdem zuverlässige Endgeräte«, betont er, »und Schulungen für die Lehrkräfte, wie sie die digitalen Instrumente auch einsetzen können«.

Der Präsenzunterricht hat für die meisten der 1000 Schüler am LLG wieder begonnen - nach besonderen Regeln und Umständen. Homeschooling ist für alle von ihnen weiterhin Thema, nicht nur für die 70 Kinder und Jugendlichen, die vom Präsenzunterricht befreit sind. So können die Lehrer immerhin mehrmals in der Woche den meisten ihrer Schüler wieder persönlich begegnen. Denn auch das habe die Corona-Krise gezeigt, sagt Metzger: »Beim digitalen Unterricht fehlt das Zwischenmenschliche. Und auch das Beobachten im Unterricht ist durch nichts zu ersetzen.«

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