JLU-Vizepräsidentin Prof. 

Verena Dolle. 		FOTO: SCHEPP
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JLU-Vizepräsidentin Prof. Verena Dolle. FOTO: SCHEPP

... und der digitalen Lehre

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Gießen (bei). Studieren - das heißt Austausch und Diskurs. Nicht nur mit Worten, sondern gerade auch mit Gestik und Mimik. Es bedeutet auch einen riesigen Verwaltungsapparat im Hintergrund, der diesen Austausch organisiert.

Dass Worte nur einen sehr geringen Teil dessen ausmachen, was beim Gegenüber ankommt, haben Kommunikationswissenschaftler längst nachgewiesen. Doch so mancher sieht in digitalen Vorlesungen auch Vorteile. Logistikmanagement-Student Luka Wiegand beispielsweise: »Man hört alles, man sieht alles und man bekommt kein Geschwätz von Kommilitonen mit.« Zudem seien die jüngeren Dozenten an der THM »technisch auf Zack«.

Derzeit finden an den Gießener Hochschulen wie auch bundesweit laut Hochschulrektorenkonferenz 80 bis 90 Prozent aller Veranstaltungen online statt. JLU und THM seien auf maximal digitalem Kurs, betonen die Pressestellen. »Zugleich wird zunehmend deutlich, was im digitalen Raum zu kurz kommt: der persönliche Kontakt, die menschliche Interaktion. der Austausch«, sagt THM-Sprecher Malte Glotz. Nicht nur der fachliche Dialog leide, sondern auch das soziale Gefüge - bei Studierenden, Lehrenden und natürlich auch bei den Beschäftigten in der Verwaltung.

Diskutieren mit grauen Kacheln

Eine Professorin, die anonym bleiben will, berichtete dieser Zeitung, dass die Motivation in der Lehre auseinanderklaffe: »Einige stecken da viel Energie rein, andere laden nur ihre Skripte samt Aufgaben hoch. Aber ich kann das auch verstehen, wo soll die Zeit für diesen Mehraufwand herkommen?« Überhaupt tue man Lehrenden unrecht, wenn man sie als Arbeitsverweigerer abstemple, weil sie Probleme mit der Onlinelehre haben. Die Professorin erklärt: »Lehre ins Digitale zu transferieren, ist didaktisch sehr, sehr anspruchsvoll. Viele Studierende schalten ihre Kameras ab, als Dozent diskutieren sie dann mit grauen Kacheln. In einer Vorlesung habe ich zumindest ein Gefühl dafür, ob die Hörenden verstehen, was ich sage. Wenn es unruhig wird, wenn sie komisch gucken, erkläre ich das noch mal ausführlicher.« Vor dem Bildschirm verliere man aber jedes Gefühl dafür, was beim Gegenüber ankommt.

Daneben kritisiert sie, dass Mitarbeiter nicht hinreichend mit Hard- und Software für das Homeoffice ausgestattet werden. Beispielsweise mangele es an guten Webcams und Headsets, um ordentliche Aufzeichnungen zu machen. Studentische Hilfskräfte würden teilweise von ihren Privatrechnern auf Uni-Daten zugreifen, weil sie keinen Arbeitsrechner haben. Diese Probleme hingen auch mit im öffentlichen Dienst unterbezahlten Informationstechnikern zusammen, die gingen meist lieber in die Privatwirtschaft. Gleichwohl gebe es in jedem Institut aber auch viele technikaffine Autodidakten.

»Der Anteil an mobilen Endgeräten für das Homeoffice wird nach und nach erhöht, wobei die derzeit langen Lieferzeiten zu berücksichtigen sind«, sagt JLU-Vizepräsidentin Prof. Verena Dolle. Außerdem könne man mit Blick auf einen sparsamen Haushalt nicht in kürzester Zeit flächendeckend bereits hochwertige PCs durch teure Neuanschaffungen ersetzen. Ähnlich argumentiert die THM.

In Infrastruktur investieren

Hinzu kommt bei der JLU das IT-Sicherheitsleck im Dezember 2019, an das sich recht nahtlos die Corona-Pandemie und der erste Lockdown angeschlossen haben. Seit mehr als einem Jahr bedeute das: arbeiten in einer hochdynamischen Lage, sagt Dolle.

Beide Gießener Hochschulen bereiten sich indes auf verschiedene Szenarien im Sommer vor: Onlinelehre sowie wieder mehr Lernen vor Ort. »Wir werden ja noch eine ganze Weile in diesem Hybridbereich sein. Von daher lohnt es sich auch, in Infrastruktur zu investieren«, prophezeit die anonyme JLU-Professorin.

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