Tim Sutor ist Betreuer in einer Lebenshilfe-WG. FOTO: PM
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Tim Sutor ist Betreuer in einer Lebenshilfe-WG. FOTO: PM

In dieser WG ist Ordnung mehr als das halbe Leben

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Gießen(cg). Die Pandemie stellt unser Leben auf den Kopf. Plötzlich ist alles anders. Wie mag diese kolossale Veränderung für Menschen sein, die generell Abweichungen vom gewohnten Alltag nicht nicht gut vertragen können? Die Betreuer, die im Aulweg vier Autisten in einer Lebenshilfe-Wohnstätte unterstützen, waren besorgt. Jetzt, nach einigen Wochen Erfahrung, haben sich das Team und die Menschen mit Behinderung auf den neuen Rhythmus eingestellt. "Zum Glück lässt unser Personalschlüssel eine individuelle Betreuung zu", sagt Tim Sutor. "Die Herren kommen ganz gut klar". Der 36-Jährige begleitet seit 13 Jahren behinderte Menschen, die an einer frühkindlichen Autismus-Störung leiden. Derzeit sind die Bewohner zwischen 24 und 38 Jahre alt. Voller Zuneigung schildert er, wie "die Herren", wie er sie liebevoll nennt, die Situation meistern. Auch für sie ist der Alltag komplett anders, weder die Arbeit in einer Werkstatt der Lebenshilfe noch bei "Prosa" (Projekt schreibender Autisten) ist derzeit möglich. Auch sind Kontakte zu Angehörigen nicht praktikabel, da Hygiene- und Abstandsregeln nicht eingeübt werden können.

Wiederholung gibt Sicherheit

Folglich müssen die vier Bewohner und ihre Betreuer den Tag alleine gestalten. "Wir müssen extrem flexibel sein und jeden Tag aufs Neue schauen, was jedem einzelnen gut tut", sagt Sutor. Für die Männer, die nicht oder nur wenig sprechen, ist die Einhaltung einer ganz bestimmten Ordnung wichtig, die Wiederholung von Stereotypen gibt ihnen beruhigende Sicherheit. Immer dieselben Wege, immer dieselben Lebensmittel, immer dieselben Abläufe.

Das Problem ist, dass jeder eine andere, eine eigene Ordnung braucht. Dem einen ist nicht wichtig, was er isst, ein anderer muss sich jeden Tag möglichst zur selben Zeit ein Käsebrot zubereiten - das sind nur wenige Beispiele von vielen.

Das erfordert unendlich viel Geduld und Gelassenheit. "Es ist aber immer wieder schön zu sehen, wenn es Erfolge und kleine Fortschritte gibt und die Bewohner mit sich und der Welt zufrieden sind", sagt Sutor. Aber immer wieder gibt es auch schreckliche Tage, an denen es nicht gut läuft und die Autisten Zornanfälle bekommen und auf sich und andere losgehen. "Das sind Momente hilfloser Ohnmacht, es tut einem weh, wenn sie in eine solche Situation geraten".

Die Betreuer tun alles dafür, die Bewohner zu schützen, natürlich auch jetzt in der Krise: Sobald sie das Haus betreten, wechseln sie die Kleidung, waschen und desinfizieren ihre Hände, tragen einen Mundschutz. Das hat für weniger Irritation gesorgt als befürchtet. Ein Bewohner schaut sich abends gerne das Muster seiner Bettdecke an, die faltenfrei auf ihm liegen muss. Seine Mutter kam nun auf die Idee, Masken mit diesem Stoffmuster zu nähen, was dem Sohn sofort gut gefallen hat.

Einer seiner Mitbewohner liebt Verpackungen und Tücher, stundenlang beschäftigt er sich damit und erfreut sich an den Berührungen und Geräuschen, die dabei erzeugt werden. Wenn er gemeinsam mit einem Betreuer zur Tankstelle marschieren kann, wo er sich im Shop einen Karton aussucht, ist er zufrieden. Ausflüge und Spaziergänge zu ihren Lieblingsorten sind für die Männer wichtig. Damit es nicht zu schwierigen Situationen kommt, werden derzeit aber von vielen Menschen frequentierte Orte wie der Stadtpark Wieseckaue gemieden.

Zum Glück gibt es den Garten

Ein großes Glück ist der Garten der WG, der für kleine Projekte ideal ist: Sand schaufeln, Fahnen hissen, gemeinsam grillen. (Zur Finanzierung von Aktivitäten "außer der Reihe" sind übrigens Spenden immer willkommen). In den vergangenen Jahren gab es im Sommer zudem Einzelfreizeiten.

Diese Reisen waren für "die Herren" immer ein ganz großes Erlebnis, schildert der Pädagoge. Er hat im letzten Jahr einen Bewohner an die See begleitet. Der Mann spricht wenig, Emotionen sind ihm kaum anzumerken. Aber als er die Weite des Meeres und den Strand sah, rannte er los. Fassungslos und überwältigt. Sutor: "Das ging mir total unter die Haut".

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