Gesundheitssystem

Uniklinikum Gießen und Marburg: Die Zukunft des UKGM im Blick

  • Marc Schäfer
    VonMarc Schäfer
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Beim Neujahrsempfang der Mediziner ist von Lob und Respekt zu hören, von Zuversicht und Hoffnung. Dann tritt der Ärztliche Geschäftsführer ans Mikro.

Gießen – Irgendwann in den letzten Tagen saß Professor Werner Seeger, der Ärztliche Geschäftsführer des Universitätsklinikums Gießen-Marburg (UKGM), mit seinen Enkeln vor dem Fernseher. Sie schauten gemeinsam eine Dokumentation über Brasiliens Fußball-Idol Pelé, der am 29. Dezember 2022 in São Paulo gestorben ist. Sie begann damit, dass ein paar Jungen aus einem Armenviertel mit Pelé in ihren Reihen eine Fußballmannschaft gründen wollten. »Kein ordentlicher Platz, kein Ball, nicht mal Fußballschuhe. Sie wurde die Mannschaft der Schuhlosen genannt und trat an gegen voll ausgestattete Gegner«, erzählte Seeger am Mittwoch (18. Januar) im Rahmen des Neujahrsempfangs des Fachbereichs Medizin der Justus-Liebig-Universität und des UKGM.

Die Jungs hätten bloß den Willen gehabt, sich nicht unterkriegen zu lassen und es trotz der widrigen Verhältnisse zu schaffen. Unweigerlich habe Seeger mitten in der Doku an sein UKGM denken müssen: an ein Vierteljahrhundert widriger Umstände, an 4,1 Millionen Euro Förderung durch das Land Hessen im Jahr 2022 für die Uniklinik Gießen und dem gegenüber 105 Millionen im Jahr 2022 für die Uniklinik Frankfurt. »Die Welt weiß, was passierte, als die Jungen aus dem Armenviertel Fußballschuhe erhielten. Und ich musste daran denken, was passiert, wenn auch wir endlich gleiche Verhältnisse haben werden«, sagte Seeger.

Der Mediziner spielte damit auf die in Aussicht gestellte Zukunftsvereinbarung zwischen dem Land Hessen und dem Klinikbetreiber, der Rhön Klinikum AG, an, in der es insgesamt um Investitionsmittel in Höhe von 800 Millionen Euro für das unter einem Investitionsstau im dreistelligen Millionenbereich leidende Klinikum geht. Die Vereinbarung zog sich im historischen Hörsaal der Alten Chirurgie wie ein roter Faden durch die Wortbeiträge. »Was jetzt im Raum steht, ist ein fundamentaler Schritt nach vorne. Dieses darf nicht scheitern an einem letzten Stolperstein. Ich bete dafür, dass es zum Abschluss kommt«, sagte Seeger.

Die Reden von Werner Seeger, Ärztlicher Geschäftsführer am UKGM, sind beim Neujahrsempfang gleichermaßen beliebt und gefürchtet.

Uniklinikum Gießen und Marburg: Rahmenpapier liegt bald zur Unterschrift bereit

Auch seine Vorredner hatten ihre Hoffnung und Zuversicht ausgedrückt, dass das Rahmenpapier mit wesentlichen Eckpunkten in den letzten Gesprächen zwischen Land und Rhön bald zur Unterschrift bereitliegt.

Tobias Kaltenbach, der neue Rhön-Chef, erklärte, dass sich am Ende eines Verhandlungsmarathons am Horizont eine Einigung abzeichne und dass es nun darum ginge, die grundsätzliche Übereinkunft »mit zarten Händen zum Gipfel zu tragen«. Dieses Bild griff Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (B90/Grüne) als Ehrengast und Abschlussrednerin auf und beteuerte, dass man in den Gesprächen »das Ziel« sehe. Sie sagte aber auch, dass eine Zukunftsvereinbarung bloß eine Grundlage sei und dass damit erneut eine herausfordernde Partnerschaft beginne.

Über den Wechsel an der Rhön-Spitze von Christian Höftberger zu Kaltenbach als Verhandlungsführer drückte Dorn ihre Freude aus. Die Stimmung habe sich verbessert. »Es ist ein gutes Zeichen, dass wir wieder miteinander lachen können.« UKGM-Chef Gunther Weiß deutete an, dass die Verhandlungen vorher vielleicht nicht ganz sauber gelaufen seien. »Ich kann mich für einiges, was gesagt wurde, nur entschuldigen«, betonte der Vorsitzende der UKGM-Geschäftsführung in Richtung Dorn. Weiß hob wie alle anderen Redner auch noch einmal die große Leistung des gesamten UKGM-Personals in der Corona-Pandemie hervor. Die Beschäftigten hätten »Ängste hintangestellt«, an »vorderster Front um Patienten gekämpft« und gezeigt, dass ein Krankenhaus von der Küche über die Materialwirtschaft bis zur Verwaltung nur als Team funktioniere. »Ich hoffe, wir bleiben am UKGM auch in Zukunft ein Team«, betonte Weiß.

Uniklinikum Gießen und Marburg: Die Erfolge der Gießener Spitzenforschung

JLU-Präsident Joybrato Mukherjee und Fachbereich-Dekan Wolfgang Weidner hoben die Erfolge der Gießener Spitzenforschung, aber beispielhaft auch die studentische Initiative der Klimasprechstunde am Fachbereich hervor, die 2022 mit dem Hessischen Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre ausgezeichnet wurde. Mukherjee betonte, dass man im Blick auf die Pandemie »in Gießen und Umgebung sehr stolz auf das UKGM« sein könne. »Das hier ist ein richtiges Uniklinikum, das ist unser Klinikum«, stellte Mukherjee klar. Zuvor war im Land zu hören gewesen, das UKGM sei aufgrund der Privatisierung kein richtiges Uniklinikum des Landes mehr.

Diese nach Informationen der FAZ aus der Hessen-Koalition stammende Einschätzung wollte später auch Seeger vor den Augen des ehemaligen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) nicht auf sich sitzen lassen. Sie sei der »Höhepunkt provinzieller Borniertheit«, sagte der Mediziner und erinnerte an zahlreiche privatisierte Top-Krankenhäuser im Ausland.

Und auch mit weiteren (»Fehl«-)Einschätzungen wollte Seeger am Mittwoch aufräumen. So habe man sich damals »nicht aus Jux und Tollerei« für die Privatisierung entschieden. Das zuvor fusionierte Klinikum sei vor etwa 18 Jahren in eine »Sondereinrichtung« überführt worden. Schon zuvor habe die damals eigenständige Gießener Uniklinik aber kaum öffentliche Investitionsmittel bekommen. Damals sei die Unimedizin in Frankfurt »sakrosankt« gewesen, die in Marburg gerade saniert - und Gießen eben »dumm dran«. In Wiesbaden habe es geheißen: »Gießen muss man schließen«. Da sei vor Ort getreu der Bremer Stadtmusikanten der Entschluss gereift: »Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal.«

Im Zuge der Privatisierung sei dann aber das Fundamentalprinzip der Krankenhausfinanzierung aufgehoben worden, nach dem die öffentliche Hand für Investitionen in Bauvorhaben und Medizintechnik aufzukommen habe. Diese Ungleichbehandlung will Seeger beendet wissen und rechnet noch einmal vor, dass Frankfurt im vergangenen Jahr 25-mal so viel Fördermittel vom Land eingestrichen habe wie Gießen. In dieser Feststellung ruht die Hoffnung, dass sich das UKGM dank einer neuen Zukunftsvereinbarung dann endlich auch Fußballschuhe leisten kann. (Marc Schäfer)

Rubriklistenbild: © Oliver Schepp

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