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Die Ziegenkümmerer Heiko Merckel und Gitta Arvin mit Luise und Marie.

Ehrenamt

Die Ziegen-Kümmerer aus Gießen: Hier hat keiner etwas zu meckern

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Marie und Luise sind die berühmtesten Ziegen von Gießen, sie residieren im Garten des AWO-Seniorenheims Albert-Osswald-Haus. Das wäre ohne eine Truppe »Ziegenkümmerer« nicht möglich.

Es ist zehn Uhr am Vormittag, Heiko Merckel und Gitta Arvin tragen einen Korb mit frischem Heu ins Gehege. Ziegenfrühstück. Luise und Marie stürzen sich darauf, als hätten sie schon ewig nichts mehr zu fressen gehabt. Was natürlich nicht stimmt, ein Blick auf die wohlgenährten Bäuche beweist es. »Sie sind gut im Futter«, sagt Heiko Merckel und lacht. Er tätschelt Luises Kopf. Marie hält sich ein bisschen abseits, sie findet die Gäste in ihrem Gehege zunächst ein bisschen gruselig, insbesondere die Kamera des Fotografen. Gitta Arvin lockt die kleine Dickmadam zu sich, »Sie verlieren gerade enorm viel Fell, das liegt auch an der Witterung«, erklärt sie. Die 74-Jährige kennt sich gut aus mit Tieren aller Art, sie hat früher selbst einmal Schafe gehalten, Hunde und Katzen sowieso. »Ich mag ausnahmslos alle Tiere«, sagt sie. »Wenn ich hier bei den Ziegen bin, geht es mir gut«. Aber sie mag nicht nur Tiere, sondern auch Menschen. Und deshalb ist die Rentnerin bei der AWO genau an der richtigen Adresse. Sie plaudert gerne mit den Bewohnern oder kommt mit den Nachbarn ins Gespräch, die auch oft bei den Ziegen vorbei schauen.

Die Tiere, das hat man bei der Arbeiterwohlfahrt schon vor zehn Jahren erkannt, tun den Menschen gut, ihr Gehege ist ein Ort der Begegnung. Das Problem dabei: Sie machen auch viel Arbeit, Aus diesem Grund stand das Ziegenprojekt vor einigen Jahren fast vor dem Aus. Doch das wusste Kornelia Steller-Nass, die bei der AWO für die Freiwilligendienste zuständig ist, zu verhindern. Gemeinsam mit Angelika Nailor (Verein Ehrenamt) hatte sie schnell eine Truppe zusammen, die sich um die Tiere kümmert. Die tierlieben Helfer - Rentner, Studierende, Nachbarn - haben einen Dienstplan erstellt und sorgen dafür, dass das Gehege tiptop ist und die vierbeinigen Damen nichts zu meckern haben.

Im Laufe der Zeit hat sich die Ziegenhaltung zu einem Projekt entwickelt, an dem mehrere Generationen beteiligt sind.

Die benachbarte Kita Lotte Lemke hat die Patenschaft übernommen, die Kinder kommen regelmäßig zum streicheln, füttern und aufräumen. So lernen sie, Tiere mit Respekt zu behandeln und Verantwortung zu übernehmen. Auch die Senioren des Pflegeheims sind häufig am Gehege anzutreffen. Sie stecken den Ziegen Leckerbissen zu und so manch einer hält mit den Vierbeinern ein Schwätzchen. »Es ist schön, hier zu sitzen, denn nicht nur die Ziegen sind hier zu Hause, sondern auch Eichhörnchen und viele Vögel«, berichtet Heiko Merckel.

Wobei der 79-Jährige nicht unbedingt der Typ ist, den man bei Mußestunden auf der Bank beobachten kann. »Ich brauche immer etwas zu reusen«, sagt er. Der sportliche Senior war früher ein begeisterter Segelflieger. Als dies aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich war, stieg er bei der AWO als Ehrenamtlicher ein. Dass er heute wieder so fit ist, hätte vor einigen Monaten niemand für möglich gehalten.

Merckel hat sich im April mit Corona infiziert, er lag wochenlang im Koma und musste an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden. Heute treibt er wieder Sport, fährt Fahrrad und kümmert sich um die Ziegen. »Der Wunsch das wieder tun zu können, war eine große Motivation für mich«, sagt er. »Alle freuen sich riesig, dass er wieder da ist«, sagt Steller-Nass. Ob Marie und Luise das auch so sehen, verraten sie nicht. Aber ihre zärtlichen Kopfnüsse deuten darauf hin.

Info: Ehrenamtlich engagieren bei der AWO in Gießen

Bei der Arbeiterwohlfahrt gibt es viele Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren, derzeit sind dort rund 80 Freiwillige tätig. Das Ziegenprojekt bekam 2017 den Ehrenamtspreis des Landes Hessen. Ansprechpartnerin ist Kornelia Steller-Nass: freiwilligendienste@awo-giessen.de

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