Die Stadt Lahn umfasste Gießen, Wetzlar und 14 weitere Orte. Am 3. Januar 1977 erschien die GAZ erstmals mit dem Untertitel "Zeitung für Lahn". Der wurde irgendwann stillschweigend getilgt – schon vor dem offiziellen Ende mit Ortsschilder-Austausch im August 1979.
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Die Stadt Lahn umfasste Gießen, Wetzlar und 14 weitere Orte. Am 3. Januar 1977 erschien die GAZ erstmals mit dem Untertitel »Zeitung für Lahn«. Der wurde irgendwann stillschweigend getilgt – schon vor dem offiziellen Ende mit Ortsschilder-Austausch im August 1979.

75 Jahre GAZ

Die ungeliebte Großstadt: Als das Experiment „Stadt Lahn“ zu einem bundesweiten Negativbeispiel wurde

  • Karen Werner
    VonKaren Werner
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Die Stadt war zu groß und ist eben deshalb heute zu klein. So lassen sich die Folgen zusammenfassen, die die Stadt Lahn für Gießen hatte. Ihr rasches Scheitern im Jahr 1977 wurde bundesweit zum mahnenden Beispiel.

Das erste »Lahnerlein« heißt Sandra und kommt in Wetzlar zur Welt. Im Gießener Uniklinikum freut man sich am Neujahrstag 1977 über die Zwillinge Esther und Tobias. Die neue Großstadt jedoch, die auf ihren Geburtsurkunden steht, wird weniger freudig begrüßt. Bei keinem Silvesterball sei ein Toast auf die Stadt Lahn ausgebracht worden, berichtet die Gießener Allgemeine Zeitung. Ein Pfarrer in Krofdorf habe im Neujahrsgottesdienst um Hilfe des Allmächtigen gebeten für die Verantwortlichen und ihre »nicht leichte Aufgabe«. Sie werden bald daran scheitern.

Stadt Lahn: Als Gießen und Wetzlar mit dem Rhein-Main-Gebiet konkurrieren wollen

Die Vereinigung der Städte Gießen und Wetzlar samt 14 Gemeinden zur 156 000-Einwohner-Stadt scheint für niemanden eine Herzensangelegenheit zu sein. Ein Protest-Trauerzug in Wetzlar an Silvester kommt einer Art Feier noch am nächsten. Das neue Stadtparlament tagt erstmals nüchterne 20 Minuten lang in der Allendorfer Mehrzweckhalle und fasst »nur formelle Beschlüsse«, so die GAZ.

Gebietsreformen gibt es in den 1960er- und 1970er-Jahren allerorten. Für die Bündelung der Kräfte in Mittelhessen sprechen handfeste Gründe: Die Region mit der neuen Großstadt will wettbewerbsfähig werden insbesondere gegenüber dem Rhein-Main-Gebiet. Bei Verkehr, Sportstätten oder Umweltschutz sollen gemeinsame Planungen das Kirchturmdenken ablösen.

Vielerorts sind die Bürgerinnen und Bürger skeptisch gegenüber den Zusammenschlüssen. Doch wie rasch und gründlich die Stadt Lahn scheitert, bleibt bundesweit ein Unikum. Neue Ortsschilder werden überklebt. Auf Autos ist der Spruch zu lesen »Wenn ich Lahn seh, krieg ich Zahnweh«. Vor allem in Wetzlar reißt der Protest gegen das Kunstgebilde nicht ab. In der stolzen einstigen »Freien Reichsstadt« fürchtet man, neben dem größeren Gießen an Bedeutung zu verlieren.

Stadt Lahn und der Unmut der Bürger: »Wenn ich Lahn seh, krieg ich Zahnweh«

Deshalb und wegen Bedenken der kleineren Gemeinden heißt die neue Stadt nicht Gießen-Wetzlar, sondern Lahn. Dieser »geschichtslose« Name gilt im Nachhinein als unglücklich. Sogar Bundeskanzler Helmut Schmidt mault mit Blick auf Goethes Wetzlar-Liebesgeschichte: »Unter einer Lotte in Lahn kann ich mir nichts vorstellen.«

Diese Anfangskrise wäre eigentlich zu überwinden gewesen, sagen Zeitzeugen heute. Doch die Neu-Lahner haben schon im März 1977 die Chance, der ungeliebten Stadt den Todesstoß zu versetzen: Sie machen bei der Kommunalwahl einfach ihr Kreuzchen bei der CDU, die sich die Abschaffung der Lahnstadt auf die Fahnen geschrieben hat. Im Dezember 1977 reicht der Magistrat eine Verfassungsbeschwerde ein mit dem Ziel, sich selbst zu beseitigen. Kurz vor der Landtagswahl im September 1978 verspricht auch die SPD die Auflösung.

Die Stadt Lahn umfasste Gießen, Wetzlar und 14 weitere Orte.

Den Beschluss fasst der Landtag indes erst am 4. Juli 1979, er wirkt bereits zum 1. August. Das Experiment habe bundesweit »Hohn und Spott« auf sich gezogen, kommentiert GAZ-Verleger Dr. Christian Rempel. Nebenbei hat es viel Geld gekostet: Die Stadt sei die höchstverschuldete in Deutschland, heißt es. Ihr Parlament hat etliche teure Bauprojekte genehmigt. Bis heute gilt die Stadt Lahn als mahnendes Beispiel für Missachtung des Bürgerwillens.

Stadt Lahn: Stadt Gießen verliert Kreisfreiheit nach dem Ende des Experiments

Zur Neuordnung der Gemeinden werden dann die Einwohner befragt - und fast nirgends will eine Mehrheit zu Gießen gehören. Wetzlar schluckt Dutenhofen und Münchholzhausen. Gießen erhält nur Lützellinden hinzu und verliert darüber hinaus den Status der Kreisfreiheit.

Die Folge bis heute: In Gießen ergänzen nur fünf Umland-Dörfer die Kernstadt. Vergleichbare Kommunen profitieren in der Regel von einem weit großzügigeren »Speckgürtel« - etwa Marburg, dessen 77 000 Einwohner sich auf 19 Stadtteile und 124 Quadratkilometer verteilen. Die 90 000 Gießener müssen mit 73 Quadratkilometern auskommen.

Stadt Lahn und ihr Hauptproblem: Viel Kernstadt, kaum »Speckgürtel«

Viel Kernstadt, wenig Dorf: Diese ungewöhnliche Struktur erklärt viele statistische Auffälligkeiten. Etwa Gießens hohen Anteil an Arbeitslosen oder Ausgaben für Theater und Hallenbäder; aber auch Erfreuliches. Gießen darf sich jüngste Stadt Hessens nennen, die Studierendenquote im Vergleich zur Einwohnerzahl war lange bundesweit spitze.

Was bleibt von der Stadt Lahn? Zum Beispiel L-Autokennzeichen mit Hessen-Wappen. Sie wurden bis zur Wiedervereinigung im Lahn-Dill-Kreis vergeben, heute steht das L für Leipzig. Und Gießen erhielt 1980 als »Trostpflaster« ein neues Regierungspräsidium. Ein Ziel des RPa greift auf, was der Lahnstadt nicht gelang: Die Region Mittelhessen einigen und stärken.

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