Wort zum Sonntag

Die revolutionäre Tugend der Geduld

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Kann man in einer Welt rasender Entwicklungen, dramatischer Veränderungen und globaler Krisen ein geduldiger Mensch sein? Haben Entscheidungsträger Zeit, bei einzelnen Entscheidungen sich mit anderen ins Gespräch zu begeben, um die Dinge in alle Richtungen verantwortungsvoll abzuwägen? Haben wir Zeit, alles, was wir tun, gründlich zu durchdenken?

Ich bin der Meinung, dass Fragen wie diese mit Ja beantwortet werden können. Allerdings dürfen wir uns dann nicht auf die einzelnen Zwänge, Entscheidungen und Handlungen konzentrieren, wir müssen tiefer gehen. Es kommt auf unsere inneren Haltungen an, unseren Charakter, was unsere Persönlichkeit wirklich prägt - über den Moment hinaus, in einem gewissen Sinn überzeitlich.

Bei den ersten Christen war Geduld eine lebenswichtige Charaktereigenschaft. Angesichts real erfahrener Lebensbedrohungen und Unterdrückungen bedeutete für sie Geduld Standhalten im Glauben und zugleich das standfeste Sich-Entgegenstemmen gottfeindlicher Mächte. Die Bibel sagt sogar, dass Geduld eine Frucht des göttlichen Geistes ist (vgl. Gal 5, 22). Christliche Geduld ist also kein hinnehmendes Ertragen von Lüge, Hass und Unrecht ohne Widerworte, ohne Widerstand, ohne Zorn und vor allem ohne Hoffnung auf Gerechtigkeit und Befreiung. Und sie ist auch keine leidvermeidende Anpassungsstrategie. Geduld lässt sich den Hunger nach Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit nicht wegmanipulieren. Geduld schafft Räume, in denen Neues geschehen kann. Christliche Geduld ist revolutionäre Beharrlichkeit!

Wir befinden uns in einer Zeit mit vielen und komplexen Krisen, die uns lehren, geduldig zu sein - geduldig, ohne uns selbst und unsere Werte und Ziele aufzugeben, ohne sich das Recht auf eine lebenswerte Zukunft nehmen zu lassen, ohne die Hoffnung auf ein solidarisches Zusammenleben zu verlieren! Und weil ich realistisch bin, weiß ich, dass uns der »Geduldsfaden« manchmal auch reißt. Die revolutionäre Tugend der Geduld erlangt man nur langsam und mit Anstrengung und sie ist eine Gottesgabe, die wir heute brauchen!

Dr. Siegfried Karl ist kath. Hochschulpfarrer in Gießen

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