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Raquel Erdtmann begeistert mit Gerichtsreportagen.

»Die Realität schlägt die Fiktion«

  • VonBarbara Czernek
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Gießen (bac). Ein Musterbeispiel exzellent geschriebener Gerichtsreportagen trug Raquel Erdtmann dem Publikum am Samstagabend im Rahmen des Krimifestivals in der Kulturkirche St. Thomas Morus vor. Mit vielen Akzentuierungen las sie aus ihrem 2019 erschienen Buch »Und ich würde es wieder tun - Wahre Fälle vor Gericht« vor. Doch es war mehr als ein Vorlesen der eigenen Gerichtsreportagen, die sie teilweise für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung verfasst hatte:

Ihr Vortrag hatte Hörbuchqualität. Ihre Stimme modulierte gefühlvoll die einzelnen Protagonisten und ließ die Zuhörer Teil des Gerichtsprozesses werden.

Erdtmann, die ausgebildete Schauspielerin ist, konnte mit ihrer Stimme den Inhalten die nötige Dramatik verleihen. Und ihre Sprechausbildung war auch ein Vorteil in dem Kirchenraum, der mit den rund 70 Plätzen zwar im Rahmen der Corona-Bedingungen ausverkauft war, jedoch seine Tücken hatte: Die Akustik war schwierig, da jedes Wort, jeder Satz stark nachhalte.

32 unglaubliche Geschichten hat sie in ihrem Buch zusammengetragen. Sie wählte drei etwas blutige Fälle aus, die dem Krimifestival gerecht wurden: Von einem, der seinen Vater erschlug, eine opernhafte Gerichtsverhandlung über einen versuchten Totschlag und einen vollendeten Totschlag. Die Titel sind kurz, knackig und sagen eigentlich schon alles aus: »Besessenheit. Ein schönes deutsches Wort«, »Ascati, Ascati!« und »Oma ist tot«. Und als Zugabe las sie noch eine nicht im Buch veröffentlichte Geschichte über einen skurrilen Einbruch, die den Abend charmant abrundete.

Wenn Erdtmann einen Gerichtsprozess verfolgt, sitzt sie bei jedem der Termine im Zuschauerraum. Das unterscheide sie von vielen ihrer Kollegen. Denn viele, so berichtete sie in einem anschließenden Gespräch, kämen lediglich zu Beginn und zur Urteilsverkündung. Sie jedoch würde den kompletten Prozess mitverfolgen, erst im Anschluss daran verfasst sie ihre Reportagen. Entsprechend kann sie zusammenfassen, sortieren, sodass zum Schluss ein Bild des Geschehnisses und des Prozessverlaufs entsteht. Analysierend und beurteilend, aber die journalistische Distanz wahrend.

In ihrem Buch kommen alle möglichen Delikte vor: Von dusseligen Einbrechern über Heiratsschwindler, von räuberischer Erpressung bis zum Mord. »Wenn sie darüber ein Buch schreiben würden, würde es ihnen keiner glauben«, sagte Erdtmann. »Die Realität schlägt die Fiktion«.

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