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In der »Kreidekreis-Arena« wird seit vier Wochen wieder getanzt - in Gruppen in abgesteckten Vierecken.

Open-Air-Partys

Partys in „Kreidekreis-Arena“ in Gießen: Erste Corona-Bilanz und weitere Pläne

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Gießen ist eine Stadt, in der zu normalen Zeiten viel getanzt wird. Seit wenigen Wochen gibt es nun wieder Partys und Konzerte im Freien, wo auch geravet, gerockt und gewippt wird. Und es werden mehr. Was ist auf den Tanzflächen der Stadt wieder möglich?

Gießen - Lange musste die Jugend warten. Die Corona-Pandemie hatte die Kultur- und Partyszene komplett lahmgelegt. Nun geht es langsam und relativ sicher wieder los. Gießen ist nicht nur eine Stadt geprägt durch Studierende und zwei Hochschulen. Sondern es ist auch eine Raver-Region: Viele Veranstalter- und DJ-Kollektive, die teils auch über Marburg und Wetzlar vernetzt sind, Brücken- und Grillhüttenpartys, Nachttanzdemo oder Technopartys beim Lahnuferfest und bis in die Morgenstunden im Muk - in Gießen sind überall viele Studierende mit am Werk, und natürlich feiern längst nicht nur Jugendliche auf Raves. Die Technokultur wurde ja seit den 90er Jahren vor allem auch in Deutschland geprägt.

DJs jedenfalls juckt es schon lange in den Fingern. Und Tänzern in den Beinen. Da kann man sicher sein. »Seit drei Wochen veranstalten wir Partys und Konzerte unter freiem Himmel mit sehr gutem Erfolg«, erzählt Alexander Vasil. Und zwar in der sogenannten Kreidekreis-Arena in der Karl-Glöckner-Straße. Das Gelände hat die Stadt dem Veranstalter unterverpachtet.

Schon im vergangenen Corona-Jahr konnte Vasil mit diesem Konzept erfolgreich die Nachttanzdemo durchführen. Die »Kreidekreis«-Idee sieht vor, dass eine klar definierte Gruppe in einem mit Kreide oder Absperrband gekennzeichneten Raum zusammen tanzen darf. An den vergangenen drei Wochenenden habe es bei maximal 200 Besuchern keine Infektionen gegeben. »Wir sehen das als sicheres Konzept an. Die Leute melden sich in Zehnergruppen an und sind für ein Quadrat registriert«, erläutert der Veranstalter. Nur in diesen »Kreidekreisen« dürfen überdies Masken abgenommen werden.

Partys in Gießen: Schritt zurück nach Festival-Infektionen in Holland

Als Reaktion auf ein eigentlich coronakonformes Festival in Holland, bei dem sich vergangenes Wochenende über 1000 Leute infiziert haben, lassen Vasil und Co. seit diesem Wochenende allerdings nur in einem Zentrum Getestete auf das Gelände - das gilt auch für Geimpfte und Genesene. Nach Rücksprache mit Ärzten erachten man dieses Vorgehen als »eine Nummer sicherer«, sagt Vasil.

Das Risiko liegt bei den drei populären »Gs« (getestet, genesen, geimpft) eben nicht bei Null, wie auch Prof. John Ziebuhr, Leiter des Instituts für Medizinische Virologie, betont. Es gelte, jetzt nicht nachlässig zu werden. Gleichwohl halte er das Konzept für »sinnvoll und okay«.

Die Behörden haben nun kürzlich die maximale Besucherzahl für Events im Freien auf 500 erhöht. Bei der Technoparty am Samstag in der »Kreidekreis-Arena« durften es demnach mehr Gäste werden als an den vergangenen Wochenenden. »Für uns stellte sich die Frage: Kriegen wir eine gemeinsame Tanzfläche vor der Bühne erlaubt?«, sagt Vasil. Ein entsprechendes Konzept hat er beim Ordnungsamt eingereicht - das habe sich jedoch aufgrund des Spreader-Events in Holland vorerst erledigt. Das Risiko wollen sie nicht eingehen. Nun sind es 50 Vierecke für 500 Personen.

„Aber dass keiner bereit war, war eine große Überraschung für uns“

»Es ist natürlich seltsam, dass man nur mit seinen zehn Leuten tanzen kann. Das nimmt viel weg«, findet der 44-Jährige. »Aber das ist wenigstens das, was wir momentan garantieren können. Wir wollen, dass jeder einen guten Sommer hat.« Musikalisch sind bislang vor allem regionale DJ-Kollektive, Bands und Künstler vertreten; überregionale Touren von Acts gehen erst langsam wieder los.

Dieses Wochenende wollten die Organisatoren erstmals in Zusammenarbeit mit regionalen Gastronomen einen Getränkeservice anbieten: Die Gruppen sollten vorab einen Getränkekorb für sich bestellen, der vor Ort abgeholt und bezahlt wird. Allerdings hat sich kein Wirt bereit erklärt. »Wir dachten«, so betont Vasil, »irgendwer wird sicher darauf anspringen. Aber dass keiner bereit war, war eine große Überraschung für uns.« Nun kann man heute zunächst wieder Getränke wie bei den letzten Konzerten und Partys selbst mitbringen; aber sie bleiben dran, den Service künftig auf die Beine zu stellen. Insgesamt sei bei der Planung einfach noch viel »Sand im Getriebe«; es dauere alles länger und das Ordnungsamt sei »wirklich überarbeitetet«.

Nicht einfacher sieht es bei den Partyveranstaltern vom Musik- und Kunstverein aus. »Wir planen gerade für August teils auch mit Alexander Vasil zusammen Events wie einen Kunstflohmarkt, Partys und Konzerte auf unserer Außenfläche«, informiert Markus Pfeil, hauptamtlicher Mitarbeiter im MuK. Wie genau die Events stattfinden - dazu müsse noch einiges geplant und mit dem Ordnungs- sowie Gesundheitsamt abgestimmt werden; eine gemeinsame Platzbegehung stehe noch aus. »Am liebsten hätten wir natürlich eine gemeinsame Tanzfläche«, sagt Pfleil. Aber ebenso wie Vasil möchte er keinesfalls zu viel Risiko eingehen.

„Kreidekreis-Arena“ in Gießen: „Braucht hauptsächlich in diesen Zeiten auch Veranstalter“

Ein allgemeines Tanzverbot bestand im Übrigen nie, auch die aktuelle hessische Corona-Schutzverordnung enthält explizit kein generelles Tanzverbot. Schlicht die Kontaktbeschränkungen haben den gemeinsamen Rave lange Zeit nicht ermöglicht. Nun kehren die Angebote zurück. Allerdings offenbaren Auswüchse und Exzesse wie zuletzt vor dem Uni-Hauptgebäude, an den Lahnwiesen und darüber hinaus in vielen anderen Städten: Es sind noch nicht genug.

Dabei hilft es nicht, nur auf Verantwortliche bei der Stadt und in der Politik zu schimpfen. »Wir beschäftigen uns natürlich mit der Frage, ob und wie und wo unter den bestehenden Bedingungen Outdoor-Veranstaltungen möglich sind. Dazu braucht es Orte, die weit genug weg von Anwohnern liegen, gleichzeitig gut erreichbar sind und die u.a. auch nicht Naturschutz-Funktionen erfüllen«, erklärt Stadtsprecherin Claudia Boje.

Und sie betont: »Es braucht aber hauptsächlich in diesen Zeiten auch Veranstalter. Menschen, die an der Stelle etwas planen, Sicherheit garantieren, Hygienekonzepte schreiben und überwachen. Wir als Stadt sind das nicht. Wir können aber Rahmen geben und unterstützen, wo es geht.«

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