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Drei Jungs posieren auf ihren Bikes in der AWO-Kita Rödgen - die für den Deutschen Kita-Preis nominiert ist.

Die neue Freiheit genutzt

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Gab es vor mehr als zwei Jahren noch Probleme in der städtischen Rödgener Kita, hat sich die Situation mit dem neuen Träger merklich verbessert. Die AWO-Einrichtung ist sogar für den Deutschen Kita-Preis 2022 nominiert - als einzige in Hessen. Ein Besuch bei stolzen Erzieherinnen und seligen Kindern.

Morgennebel liegt noch in der Luft. Ein Kind rennt heran, möchte aber nicht sofort rein in das bemalte Gebäude im Ortskern des Gießener Stadtteils Rödgen. Es versteckt sich vor dem Papa. Der spielt mit, fängt es und bringt es in die Kita. »4 0 Kinder sind heute Morgen hier«, sagt Kita-Leiterin Beate Diehl. Davon hört man kaum etwas. »Das liegt an unserem offenen Konzept. Die Kinder können machen, was sie möchten, sich frei und kreativ ausprobieren«, erläutert Diehl. Keine festen und größeren Gruppen also, die die Geräuschpegel potenzieren. Betreuung, Anleitung, Erziehung - das sind neben der Freiheit Kernaufgaben in der Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt, die neben 25 anderen für den Deutschen Kita-Preis 2022 nominiert ist. »Dass wir die einzigen aus Hessen sind, ist das i-Tüpfelchen«, sagt Co-Leiterin Nina Klos freudig.

Natur- und Medienpädagogik

Zum fünften Mal vergeben das Bundesfamilienministerium und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung die Auszeichnung samt Geldgewinn gemeinsam mit anderen Partnern. Sowohl an Kita-Teams als auch an lokale Bündnisse für frühe Bildung; rund 1200 haben sich beworben. Andere Gießener AWO-Kitas waren schon zweimal in der engeren Auswahl, im Sommer wurde die Kita in der Marshallsiedlung mit dem zweiten Platz geehrt. Nun also die dritte Kita in der Reihe.

Die Erzieherinnen in Rödgen legen einen Schwerpunkt auf die Verbindung von Natur- und Medienpädagogik. Beispielsweise basteln die Kleinen digitale Bilderstrecken mit kurzen Texten von Besuchen auf dem Hof des regionalen Landwirts, mit dem die Kita zusammenarbeitet. So verarbeiten sie das Erlebte. Oder sie werden mit der kindgerechten Suchmaschine »Blinde Kuh« an Onlinerecherchen herangeführt. Das alles außerdem zeitlich limitiert. Dass zielloser und zu langer Medienkonsum frühkindlichen Gehirnen schaden kann, ist auch den Erzieherinnen bewusst. »Es geht um einen gesunden Umgang«, betont AWO-Geschäftsführer Jens Dapper, der auch zum morgendlichen Treffen gekommen ist. Vor mehr als zwei Jahren hat die AWO die Digitalisierung ihrer sieben Kitas angestoßen. Sie soll zudem die Arbeit und die Kommunikation erleichtern. Die Resonanz von Eltern wie auch Mitarbeitenden sei »hervorragend«, betont das lenkende Team.

»Wir gestalten Lebensräume mit Herz und Respekt«, lautet der Leitsatz des Wohlfahrtsverbandes, der auch eingerahmt in der Kita hängt. An einer anderen Wand sind Kinderwünsche zu lesen: Lia hätte zum Beispiel gerne eine Kreis-Rutsche, Clara ein Trampolin.

»Die Kita Rödgen ist eine Riesenbereicherung für den Verband«, betont Gaby Nickel, Fachbereichsleiterin der Kinderbetreuung. Der Kita-Preis sei das eine - der Weg dahin aber eine - wie sie sagt - »irre Entwicklungsgeschichte und mit Selbstbewusstsein verbunden«.

Denn dass alles heute so harmonisch verläuft, ist nicht selbstverständlich. Im Frühjahr 2019 - bis dato war die Kita fast 50 Jahre in städtischer Trägerschaft - war die Stimmung unter Eltern und Kita-Mitarbeiterinnen gelinde gesagt ungut. Chronische Unterbesetzung, unflexibles Alltagsgeschäft, schlechte und langsame Kommunikation der Stadt, Sanierungsbedarf. Die Probleme sah auch Stadträtin Gerda Weigel-Greilich damals ein. Im März 2020, zeitgleich mit dem ersten Corona-Lockdown, übernahm die AWO die Trägerschaft.

Damit veränderte sich einiges für die Erzieherinnen. Insbesondere Organisationswege seien kürzer geworden und Entscheidungsprozesse zum Beispiel bei der Einstellung neuer Fachkräfte freier, erzählt Leiterin Diehl. »Die Bereitschaft der AWO, uns mehr Verantwortung zu geben, war für uns Neuland und eine große Wertschätzung«, unterstreicht Klos. Die Freiheit und Flexibilität in der Kita-Leitung sei einer der Motoren, um sich weiterentwickeln zu können und Mitarbeitende auch mitzunehmen, fügt Dapper an. »Das Team läuft dann in einer ganz anderen Qualität und Motivation«, ist er sich sicher.

AWO gewinnt Popularität

Die Hälfte des Personals ist nach dem Trägerwechsel geblieben, die restlichen Stellen wurden neu besetzt. »Wir sind froh, dass auch zwei Männer dabei sind«, betont Diehl. Das »bunte« Team sei jedenfalls »in einem guten Flow«. Außerdem gebe es viel positives Feedback und auch konstruktive Kritik der Eltern.

Auch die Nominierung zum Kita-Preis wirkt sich aus: In den vergangenen drei Wochen habe man sicher 20 Praktikumsanfragen bekommen. Durch die Popularität - auch durch den zweiten Platz der Kita Marshallstraße - gebe es auch vermehrt Bewerbungen, bestätigt Dapper. Am Freitag hat Leiterin Diehl die mehrseitige Selbsteinschätzung der Kita samt Video bei der Jury eingereicht. Im Dezember sollen die zehn Finalisten feststehen - und im Frühjahr 2022 dann die Sieger.

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