Das Rödgener Baugebiet "In der Roos" - Landwirte, Naturschützer und Anwohner informierten über Naturschutz.
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Das Rödgener Baugebiet »In der Roos« - Landwirte, Naturschützer und Anwohner informierten über Naturschutz.

Baugebiet »In der Roos«

„Die Natur ist komplizierter“ – Diskussionen um Baugebiet in Rödgen reißen nicht ab

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Wirklich geschlichtet ist der Streit um das Baugebiet »In der Roos« in Rödgen nicht. Am Montag haben Naturschützer, Landwirte und Anwohner nochmals allgemein über Naturschutzbelange gesprochen.

Das Treffen war nicht dazu gedacht, abermals auf Konfrontation mit der Stadt Gießen zu gehen, sondern »um die Interessengruppen nochmal zusammenzubringen und zu reden«, erklärt Ortslandwirt Konstantin Becker am Montag in Rödgen. Und um allgemein das Problem des Verlusts von Boden und Grünflächen durch Versiegelung zu unterstreichen. Eingeladen hatte Becker Vertreter des NABU, des Hessischen Bauernverbandes sowie Anwohner. Streitpunkt ist das geplante und inzwischen beschlossene, rund drei Hektar große Baugebiet »In der Roos« im Ortskern, das viele als Naherholungswiese und zudem schützenswerten Naturraum sehen.

Baugebiet »In der Roos« in Rödgen: Lange Vorgeschichte des Streits

Dieser Zankapfel hat in dem Gießener Stadtteil eine lange Vorgeschichte. In den 70er Jahren erstmals als innerstädtisches Baugebiet diskutiert, kam es erst um die Jahrtausendwende wieder ins Gespräch - als festgestellt wurde, dass das Rödgener Umland wegen seiner fruchtbaren Streuobstwiesen und anderen naturschutzrechlichen Belangen größtenteils nicht als Bauland ausgewiesen werden kann. Aufgrund des Bevölkerungswachstums war für die Stadt klar, dass auch die Nachfrage nach Ein- und Mehrfamilienhäusern steigen wird. Im Spätsommer 2019 wurde der Bebauungsplan fertiggestellt.

Der Prozess wurde in den Jahren zuvor von viel Streit begleitet. Im Vordergrund stand zuletzt eine geschützte Schmetterlingsart, der Ameisenbläuling, der zum Überlegen eine spezielle Symbiose mit einer Ameisenart sowie ein geeignetes Biotop braucht. Nach einer Umsiedlung der Schmetterlinge an die »Krebswiesen« offenbarte sich, dass die Population deutlich höher ist als erwartet, so Mark Harthun, Geschäftsführer des NABU Hessen. Die Aufnahmekapazität der neuen Wiese sei zu gering und es sei nicht klar, ob sich der Schmetterling hier wirklich ansiedelt; deswegen hat der Verband eine Mängelrüge bei der Stadt Gießen eingereicht und fordert eine Nachkontrolle des Schmetterlingbestandes. Die Stadt habe mitgeteilt, dass diesbezüglich noch keine abschließende Entscheidung getroffen worden sei.

Streit um Baugebiet »In der Roos« in Rödgen: Anwohner fühlen sich nicht gehört

Harthun nahm das Treffen zum Anlass, die Empfehlung des NABU zu betonen, allgemein auf die Bebauung solcher Gebiete zu verzichten. »Immer noch werden in Hessen jeden Tag 2,8 Hektar Fläche durch Siedlung oder Verkehr verbraucht, obwohl die Bevölkerung tendenziell sinken wird.« Daher müsse der Verbrauch mittelfristig gegen Null gehen.

Dem pflichtet Manfred Paul, Vorsitzender des Bauernverbandes Gießen/Wetzlar/Dill, bei und er ergänzt: »Es gibt de facto keine Ausgleichsflächen für lebendige Böden, die Natur ist komplizierter.« Zuletzt sei er zwei Wochen in Wiesbaden gewesen - der Stadtmensch fremdele mit den Belangen von Natur und Landwirtschaft. Doch in den Städten würden die Wahlen entschieden, und die Landbevölkerung müsse es dann ausbaden. So will auch Landwirt Becker, der mit einer neuen Umweltschutzliste für den Ortsbeirat kandidiert, beispielsweise von der Politik wissen, wie Landwirten erklärt werden könne, »dass sie insekten- und umweltschonend wirtschaften sollen, wenn täglich umgerechnet die Fläche eines Vollerwerbsbetriebes unter Beton begraben wird«.

Nicht zuletzt kritisieren die Anwohner fehlende Bürgerbeteiligung. Sie seien keine »lästigen Gegner«, wie man sie wahrgenommen habe, sagt Birgit Müller von der Bürgerinitiative Rödgen. Sie hätten sich vielmehr etwas gewünscht, von dem alle profitieren, beispielsweise »ein Altenheim mit Parkanlage und einem Bäcker oder Lädchen«.

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