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Die Kraft schwarzer Poesie

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Von: Karola Schepp

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Lahya-Stephanie Aukongo drückt mit Gedichten ihre Gefühle aus. © Red

Stefanie-Lahya Aukongo wendet sich in ihren Texten gegen Rassismus, das Unsichtbarmachen der deutschen Kolonialgeschichte und gesellschaftliche Ausgrenzung. Lahya weiß aus eigenem Erleben, wovon sie spricht. Sie wuchs in der DDR in einer Pflegefamilie auf. Als Autorin, Poetin, Schreibpädagogin und Sängerin betont sie: »Black Poetry Matters«.

Ich bin nicht dein Albtraum, ich bin dein Traum«, zitiert Stefanie-Lahya Aukongo aus einem ihrer Gedichte. Lahya, wie sie sich als Künstlerin nennt, trägt auch dieses Gedicht im Rahmen einer digitalen Lesung mit anschließendem Werkstattgespräch vor. Eingeladen dazu haben das Literarische Zentrum in Kooperation mit dem International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) an der JLU im Rahmen der internationalen Konferenz »Rethinking Postcolonial Europe: Moving Identities, Changing Subjectivities«.

Poesie als Heilung und Empowerment

Jeannette Oholi und Nadiye Ünsal moderieren die performative Lesung. Und weil es Lahya ist, die hier im Mittelpunkt des Interesses steht, wird die Lesung trotz der digitalen Begleitumstände zum packenden Erlebnis. Denn Lahya weiß nicht nur mit ihrer kraftvollen Poesie zu überzeugen, sondern auch mit ihrer faszinierenden Persönlichkeit.

Schwarz, queer, körperlich durch ihre Lebensgeschichte und ihre üppigen Formen gezeichnet, ist Lahya, die in der DDR aufgewachsen ist, aber auch zu ihrer Herkunftsfamilie in Namibia guten Kontakt hat, eine Art Paradiesvogel. So bunt wie ihre Wahlheimat Berlin ist auch sie selbst. Doch wer die Autorin, Sängerin und Moderatorin der Berliner One World Poetry Night allzu leicht in derlei Schubladen steckt, muss stutzen. Denn Lahya erzählt in ihren Gedichten, wie satt sie es hat, beglotzt zu werden. Wie wütend es sie macht, ständig an den üppigen Haaren betatscht, mit alltagsrassistischen Fragen wie »Sie sprechen aber gut Deutsch« belästigt zu werden oder gar offenen rassistischen Anfeindungen zu begegnen. »Ich werde so oft nach meinen Wurzeln gefragt, dass man glauben könnte, ich sei ein Baum«, sagt sie und man kann als Mensch mit weißer Hautfarbe wohl nur ahnen, wie sich das für jemanden mit brauner Haut anfühlen muss.

Doch umso wichtiger ist es, dass Lahya ihre Gefühle mit kraftvollen eigenen Worten ausdrückt. »Poesie kann die Dinge auf den Punkt bringen«, meint sie und schafft es in ihren Gedichten, wie etwa in ihrem 2018 erschienenen Band »Buchstabengefühle. Eine poetische Einmischung«, das mit Kraft und Gefühl in wenigen Zeilen zu beschreiben, wofür Diskussionsrunden und Konferenzen viel mehr Worte brauchen. Mit der Poesie und dem Schreiben könne sie Welten erfinden, in denen Menschen wie sie die Hauptrolle spielen, meint Lahya. »Sprache ist Heilung« - und ein Beispiel dafür, welche Bereicherung es ist, »das weiße Konstrukt, das alles bestimmt, so viel wie möglich zu hinterfragen.«

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