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Jo van Nelsen mit Bernd Schmidt am Klavier - ein Dream-Team der gehobenen Unterhaltung.

Die Hose hängt am Kronleuchter

Gießen (kdw). So viel Freude an einem einzigen Abend ist nicht oft zu erleben. Der Frankfurter Sänger und Schauspieler Jo van Nelsen brachte am Samstag im Astaire’s mit dem Programm »So lang nicht die Hose am Kronleuchter hängt« sein Publikum ein ums andere Mal zu schallendem Gelächter. Seine Mischung aus Schlager, Kabarett und Zeitkolorit der Zwanziger und dreißiger Jahre, herausragend interpretiert und adäquat begleitet von Bernd Schmidt, erinnerte daran, wie man sich maximal gut amüsieren kann.

Van Nelsen wurde 1968 in Bad Homburg geboren. Er war Dramaturgie- und Regieassistent bei Rainer Mennicken am Schauspiel Frankfurt und ist seit 1989 als Chansonsänger, Schauspieler, Sprecher und Moderator tätig. 1998 erhielt er die St. Ingberter Pfanne und den Wilhelmshavener Knurrhahn sowie 2001 den Thüringer Kleinkunstpreis. Ein Vollprofi also, und das mit der Gesangsausbildung hat sich schwer gelohnt, hörte man.

Am Klavier wurde er begleitet von Bernd Schmidt. Der studierte Klavier, Arrangement, Komposition und Pädagogik an der staatlich anerkannten Frankfurter Musikwerkstatt. Seit 1998 ist er Pianist im führenden europäischen Varieté-Theater Tigerpalast.

Kaum ist der Star des Abends auf der Bühne, wird’s zur Gewissheit: hier ist ein Bühnenmensch, der alles einbringt: Musik, Humor, Kabarett, Geschichte und nicht zuletzt sich selbst, hundertprozentig. Van Nelsen besitzt eine enorme Präsenz, ist charmant und voller Zugewandtheit.

Der Beifall will gar kein Ende nehmen

»Eine hemmungslos subjektive Auswahl seiner Lieblingstitel« stellte er vor und fügte ein wichtiges Element hinzu, er skizzierte Immer wieder die geschichtlich-politischen Hintergründe der Zeit der Weimarer Republik. »Parallelen«, sagt van Nelsen einmal: Der Mann kennt nicht nur die leichte Muse. Immer wieder streut er Fakten mit ein (»Im Berlin der Zwanziger gab es 72000 Vergnügungsstätten«), dass sich mittellose Männer und Frauen als Gigolos verdingten und für wenig Geld dem Vergnügen der Gäste der Tanzpaläste dienten.

Vor allem aber kann Jo van Nelsen exzellent singen. Ein erstes Glanzlicht ist »Darf ich um den nächsten Tango bitten, süße kleine Frau« von Willi Rosen (»Alles, was verliebte Herzen fragen, kann man sich so schön beim Tango sagen«), den van Nelsen mit enormer Stilsicherheit, genau abgewogener Emotion und sichtbarem Vergnügen vorträgt. Schmidts Begleitung trifft präzise Ton und Timbre des Titels. Ein Zitat von Hans Fallada lässt die düstere Atmosphäre der Zeit aufscheinen, er trägt auch einen Ausschnitt aus Kästners »Sachlicher Romanze« vor und lässt Friedrich Hollaenders bitteren Song über das Hungern erklingen (»Man nährt sich so von überschüssiger Kraft«). Alles perfekt gemacht, man kann einfach nur goutieren, was man hört. Und sieht, denn van Nelsens darstellerische Leistung ist phänomenal, er sinkt in Figuren und Themen wie ins Wasser, artikuliert absolut klar und sauber, was ihm erlaubt, alle denkbaren sinnlichen, komischen oder ernsten Facetten einzubringen. Man hört gelegentlich stimmliche Anklänge an Georg Kreisler, und gemeinsam mit Schmidts famoser Begleitung ist das ein Unterhaltungserlebnis, das man nicht vergessen wird. Der Applaus will schließlich gar kein Ende nehmen.

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