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Das Laufen spielt im Leben von Britta Bannenberg eine wichtige Rolle. Es ist ein Ausgleich zur intensiven Arbeit.

Kriminalität

Die Gießenerin Britta Bannenberg hat ihr Leben dem Verbrechen verschrieben

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Britta Bannenberg gehört zu den renommiertesten Kriminologinnen des Landes. Seit 13 Jahren leitet sie die Professur für Kriminologie an der Justus-Liebig-Universität. In ihrer Freizeit schlüpft die ehemalige Leistungssportlerin täglich in ihre Laufschuhe oder steigt auf das Mountainbike. Der Sport ist für sie ein Ausgleich zur intensiven Arbeit, durch die sie auch regelmäßig mit Tätern zu tun hat.

Als das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers krachte, war Prof. Britta Bannenberg bei einer Tagung. Es ging um das Thema Korruption. Natürlich weiß sie das noch, jeder weiß, wie er diesen Terroranschlag erlebt hat. Und trotzdem unterscheidet sich Bannenbergs Wahrnehmung von der ihrer Mitmenschen. Sie blickt rationaler auf solche emotional aufwühlenden Ereignisse. »Ich reagiere auf diese Taten anders, weil ich sehr genau weiß, was sie bedeuten«, sagt die 57-Jährige. Kein Wunder: Bannenberg leitet seit 2008 die Professur für Kriminologie an der Justus-Liebig-Universität. Sie gilt als eine der größten Expertinnen in Sachen Verbrechen. Amok, Terror und Tötungsdelikte gehören zu ihren Forschungsschwerpunkten.

Bannenberg ist in Volkmarsen geboren und in Kassel aufgewachsen. Viele Menschen, die in dieser Reihe porträtiert werden, erzählen an dieser Stelle von einer unbeschwerten Kindheit in idyllischen Verhältnissen. Bannenberg tut das nicht. »Ich hatte keine schöne Kindheit«, sagt sie, und über ihre Eltern möchte sie nicht reden. »Ich bin mit 17 Jahren von zu Hause ausgezogen und seitdem mein eigener Herr.« Dabei will sie es belassen.

Bannenberg hat bewiesen, dass man als sein eigener Herr nicht nur gut zurechtkommen, sondern auch viel erreichen kann. Nach dem Abitur schrieb sie sich an der Universität in Göttingen für Rechtswissenschaften ein. Motivation sei wohl die Vorstellung von Gerechtigkeit gewesen, sagt Bannenberg. »Die hat man eben im Jugendalter.«

Während des Studiums sei ihr sehr schnell sehr klar geworden, dass Strafrecht, aber noch viel mehr die Kriminologie, also die Lehre des Verbrechens, sie am meisten faszinierte. »Kriminologie fragt, warum es zu Gewalt kommt, warum ein Mensch zum Opfer wird. Das hat mich viel mehr interessiert als die Frage, wie man eine Straftat würdigt.« Als sie dann die Chance bekam, sich dem Gebiet der Kriminologie in einer Doktorarbeit zu widmen, musste Bannenberg nicht lange überlegen. »Das hat mich beflügelt.«

Von da an ging es rasant nach oben. Bannenberg arbeitete als wissenschaftliche Assistentin an der Martin-Luther-Universität Halle/Saale sowie an der Philipps-Universität Marburg. In ihrer Habilitation widmete sie sich der Korruption in Deutschland. 2002 übernahm sie die Professur für Kriminologie, Strafrecht und Strafverfahrensrecht an der Universität Bielefeld, bevor sie 2008 nach Gießen wechselte.

Gewalt und Verbrechen sind für die meisten Menschen abschreckend, und trotzdem übt die Kriminalität eine große Faszination aus. Sonntags sitzt die Nation vor dem Fernseher und geht beim »Tatort« auf Verbrecherjagd. Krimis sind die beliebtesten Bücher der Deutschen, und wenn es um Podcasts geht, steht das Genre True Crime ganz oben auf der Beliebtheitsskala.

»Menschen sind grundsätzlich von Gewalt fasziniert«, sagt Bannenberg. Das gelte vor allem für den schlimmsten denkbaren Regelbruch, das Tötungsdelikt. »Die Menschen fragen sich, warum andere zu schwerer Gewalt überhaupt fähig sind.« Im sicheren Kokon der eigenen vier Wände erfreuen sich die Menschen an der Konfrontation mit Kriminalität. Im echten Leben scheuen sie sie aber.

Bei Bannenberg ist das anders. Für ihre wissenschaftliche Arbeit hat sie regelmäßig mit Opfern und Tätern zu tun. »Mich hat immer interessiert, wie man sich der Sache rational und gerade nicht emotional nähern kann. Schließlich sind Menschen, die töten oder schwere Gewalttaten begehen, auch Menschen und keine Monster.« Allerdings, räumt die Kriminologin ein, gelingt das mit der Rationalität nicht immer.

»Wenn man die Opfergeschichten ganz genau studiert, nimmt einen das schon emotional mit«, sagt Bannenberg. Die Grenze werde meist überschritten, wenn sie mit Hinterbliebenen von Terrorakten und Amokläufen spreche, aber auch bei Opfern schwerer Gewalt und Vergewaltigungsdelikten.

Auch der Kontakt zur anderen Seite, den Tätern, sei mitunter belastend. »Wenn sie sich Menschen nähern, die mit organisierter Kriminalität zu tun haben, ist das nicht immer angenehm.« Das gelte auch für solche Mörder, die es regelrecht genießen, von ihren Taten zu erzählen.

Terroristen sind ebenfalls stolz auf ihre Taten - wenn sie sie denn überleben. Die Attentäter von 9/11 starben bei dem Anschlag genau wie fast 3000 andere Menschen. Als Bannenberg die Türme einstürzen sah, wusste sie, was das für Folgen haben könnte. Nicht nur politisch, sondern auch mit Blick auf potenzielle Nachahmer. »Jahrestage von Terrorattacken oder Amokläufen triggern sie häufig, ihre eigenen Taten im zeitnahen Kontext zu begehen.«

Bereits seit Jahren forscht Bannenberg zu diesem Thema, seit 2005 betreibt sie zudem zusammen mit ihrem Team das »Beratungsnetzwerk Amokprävention«, bei dem sich Menschen melden können, die befürchten, in ihrem Umfeld könnte sich eine Amoktat ereignen.

Nimmt man noch die Lehre hinzu, die Forschung und die vielen Vorträge, die Bannenberg regelmäßig hält, kommt ein beeindruckendes Pensum zusammen. Das schafft die 57-Jährige nur durch den passenden Ausgleich.

Bannenberg ist viele Jahre lang bei Wettkämpfen mitgelaufen, bei den Strecken zehn bis 25 Kilometer gewann sie sogar mehrfach hessische und süddeutsche Meisterschaften. »Ich war schon immer relativ energiegeladen und bewegungsfreudig«, erzählt die Gießenerin.

Noch heute sei das Laufen mehr als nur ein Hobby, Bannenberg spricht von einem Lebensinhalt. Täglich schlüpft sie in ihre Sportschuhe und läuft zwischen 35 und 90 Minuten. »Beim Laufen kann ich über vieles nachdenken, auch über berufliche Dinge. Außerdem hält es mich fit. Wenn ich nicht laufen würde, hätte ich nicht diese Leistungsfähigkeit im Beruf.«

Das Mountainbiken leistet dazu ebenfalls einen Beitrag, und nicht zuletzt greift Bannenberg in ihrer Freizeit gerne zum Buch, um abzuschalten. Natürlich liest sie viel Fachliteratur, aber auch Romane. Und Krimis. »Kriminalität hat mich schon immer interessiert, da gibt es keinen Schnitt zwischen Beruf und Privat«, sagt die Professorin und betont: »Sie ist immer da.«

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