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Die Geisterjägerin

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Von: Karola Schepp

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Verena Keßler hat mit »Die Gespenster von Demmin« einen fulminanten Debütroman geschrieben. © Red

Wie schwer es ist, sich den eigenen Geistern zu stellen, führt Verena Keßler in ihrem Debütroman »Die Gespenster von Demmin« vor. Es geht um einen Massensuizid, das Erwachsenwerden in einer tristen Kleinstadt mit dunkler Vergangenheit und die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen. Im Interview erzählt die 33-jährige Autorin, worum es ihr im Buch ging und warum sie es so und nicht anders schreiben wollte.

Die 15-jährige Larry zeigt für ihr Alter eine ungewöhnliche Härte. Sie will Kriegsreporterin werden, macht Überlebenstraining. Warum haben Sie die Figur mit so viel Coolness und Faszination am Morbiden angelegt?

Ich habe mich gefragt, wie es ist, in einer Stadt wie Demmin aufzuwachsen, also sein Leben an einem Ort zu beginnen, in dem der Tod so allgegenwärtig ist. Als Antwort ist eine Figur entstanden, die dem Tod begegnet, indem sie sich mit allen Mitteln gegen ihn wappnet, die ihn immer wieder herausfordert und am liebsten mal kurz über die Schwelle treten würde.

Aber plagen Larry nicht nur Pubertätsprobleme, mit denen sich auch Jugendliche in anderen tristen Städten herumschlagen - die geschiedenen Eltern, der Freund der Mutter, der abwesende Vater?

Ja, stimmt und nicht nur in tristen Städten. Das ist etwas, das mir bei den Recherchen in Demmin schnell klar geworden ist: dass zwar jeder dort von der Vergangenheit weiß und die Geschichte auch nicht so leicht ignorieren kann, aber trotzdem leben die Menschen natürlich einfach ihr Leben und für die meisten spielt das Thema Massensuizid in ihrem Alltag keine Rolle.

Sie haben über vier Jahre immer wieder in Demmin recherchiert. Hatten Sie mit Widerständen zu kämpfen?

Die Demminer, mit denen ich zu tun hatte, waren sehr offen und interessiert. Wann immer ich da war, habe ich mich mit jemandem verabredet, der mir weitergeholfen hat. Beim ersten Mal hat mir ein Hobby-Historiker die Orte gezeigt, die besonders mit dem Massensuizid in Verbindung stehen, ein anderes Mal ist die ehemalige Friedhofsverwalterin mit mir über den Friedhof spaziert und hat mir das Sterbebuch von 1945 gezeigt, das dort immer noch im Tresor liegt. Ich habe mir den sogenannten Trauermarsch angeschaut, den Rechte dort jedes Jahr am 8. Mai veranstalten, und mich mit denen unterhalten, die den Gegenprotest organisieren. Und ich habe ein paar Tage mit einer Jugendlichen verbracht, die mir vom Aufwachsen in Demmin erzählt hat.

Aber eigentlich erfährt man als Leser von dem Massenselbstmord Tausender Menschen in Demmin 1945 aus Angst vor den anrückenden russischen Soldaten nur am Rande. Werden Sie damit dem historischen Stoff gerecht?

Ich glaube, man kann diesem Ereignis nicht nur gerecht werden, indem man es in den Mittelpunkt rückt. Mich hat interessiert, was der Massensuizid von 1945 für die bedeutet, die heute in der Stadt leben, für die Zeitzeugen wie für die Nachgeborenen. Frau Dohlberg wird am Ende ihres Lebens mit den Erinnerungen an das Kriegsende konfrontiert - was sie lange verdrängt hat kommt jetzt wieder hoch. Larry dagegen hat keine eigenen Erinnerungen an den Krieg und trotzdem scheint er immer da zu sein.

Sie erzählen eher von den diffusen Spätfolgen des Massenselbstmords - aber mit Leichtigkeit, Witz und leichter Sprache. Warum?

Ich wollte von Demmin erzählen, aber ich wollte kein erdrückendes, schweres Buch schreiben, was bei dem Thema ja schnell passieren könnte. Deshalb ist Larry als Erzählerin auch mal witzig und deshalb habe ich das Ganze nicht noch mit einer besonders poetischen Sprache aufgeladen. Trotzdem gibt es auch ernste und schwere Stellen im Buch.

Sie lassen Larry in Ich-Form erzählen. Sie gewährt deutlich mehr Einblick in ihr Seelenleben. Die alte Nachbarin bleibt dagegen irgendwie unnahbar. Hat sich das so beim Schreiben entwickelt oder war das von Anfang an Ihr Ziel?

Larry war als Figur von Anfang an da und hatte von Anfang an diesen Ton, für die Nachbarin habe ich länger gebraucht und viel herumprobiert. Ich wollte eine zweite Erzählebene haben, die die Zeitzeugen repräsentiert, aber es war für mich schwieriger aus der Perspektive einer 90-Jährigen zu schreiben als aus der einer 15-Jährigen, da musste ich mich erst rantasten. Die personale Erzählweise erlaubt es mir, Einblicke in ihre Gefühlswelt zu geben und trotzdem einen gewissen Abstand zu wahren, der mir bei dieser zurückgezogen lebenden Figur passend schien.

Im Roman geht es auch um die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen. Larry und die alte Frau sprechen nicht wirklich miteinander. Warum lassen Sie beide Figuren auf Distanz?

Weil ich glaube, dass das in der Realität ziemlich oft passiert. Man wohnt Tür an Tür aber weiß nichts vom anderen, auch wenn man sich vielleicht viel zu erzählen hätte. Larry spricht zwar mit älteren Menschen aus der Generation der Zeitzeugen, die sie bei ihrem Nebenjob auf dem Friedhof trifft, aber auch die erzählen ihr nicht alles und machen höchstens Andeutungen. Mit Frau Dohlberg ergibt sich so ein Gespräch erst nicht, sie ist eine zurückhaltende Person und kann sich nicht einfach bei einem Plausch am Gartenzaun öffnen.

»Die Gespenster von Demmin« ist Ihr erster Roman und hat gleich viel Beachtung gefunden. Macht das Druck oder ist es eher Bestätigung?

Ich freue mich über die Aufmerksamkeit für das Buch und vor allem darüber, dass ich jetzt weiterschreiben kann. Druck mache ich mir nicht so viel.

Was ist Ihr nächstes Buchprojekt? Wieder eine Coming-of-Age-Geschichte, ein historisches Thema oder etwas ganz anderes?

Etwas ganz anderes! Wobei der Tod auch wieder eine große Rolle spielen wird.

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