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Tagesmutter Pia Mauthe mit ihren Schützlingen.

Die Frau auf den »Wesselmännern«

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Im sportlichen Outfit kommt Pia Mauthe zum Interview in die Marburger Straße. So sind sie eben, die Laufsportler: Nutzen jede Gelegenheit, um Strecke zu machen. Nach dem Gespräch düst sie durch die schneebedeckte Wieseckaue zurück in ihr Rödgener Zuhause.

Gießen – Für die 55-Jährige, die für die Freien Wähler (FW) zum zweiten Mal fürs Stadtparlament kandidiert, ist das ein Katzensprung. Seit ihrem 40. Lebensjahr läuft sie Marathon. Über 20 Langstreckenläufe sind es mittlerweile, darunter Klassiker wie Frankfurt, Berlin oder Wien. Oder Brixen in Südtirol - mit 2450 Höhenmetern bergauf. »Beim Laufen wird der Kopf frei«, sagt Mauthe. Vor fünf Jahren hatte sie mit einer schweren Krankheit zu kämpfen. »Der Sport hat mir geholfen, wieder auf die Beine zu kommen«, erzählt sie.

Pia Mauthe ist in Großen-Linden aufgewachsen, seit 1989 lebt die Mutter von zwei Kindern mit ihrem Mann in Rödgen. Mitte der 1990er Jahre kam sie in Kontakt mit den in Rödgen traditionell starken Freien Wählern und entschied sich, sich kommunalpolitisch zu engagieren. Erst eher passiv, bevor sie vor rund zehn Jahren in den Vorstand des Ortsverbands aufrückte und 2016 im Vorderfeld der Kandidatenliste der FW als Neuling auftauchte. Jetzt kandidiert sie auf Listenplatz 2 hinter Fraktionschef Heiner Geißler.

Der Spitzenplatz hat aus ihr eine Plakatfigur gemacht. Auf den großen »Wesselmännern« der Freien Wähler ist sie am Straßenrand mit Heiner Geißler und Günter Helmchen in orignellen Posen zu sehen. »Die Plakate scheinen gelungen zu sein. Es gibt viele positive Reaktionen«, freut sich die Nummer zwei der FW.

»Es war spannend, in die Stadtpolitik reinzuschnuppern. Die fünf Jahre im Stadtparlament haben viel Spaß gemacht. Aber man braucht schon zwei bis drei Jahre, um da reinzukommen«, bilanziert Mauthe ihre erste Wahlperiode. Den ein oder anderen Kniff mit der Geschäftsordnung, wenn die Regierungsmehrheit Anträge der Opposition in eigene Vorhaben verwandele, habe sie freilich immer noch nicht verstanden, sagt Mauthe und lacht. Nichts auszusetzen hat sie am zwischenmenschlichen Klima. »Das ist doch schön, wenn man hinterher im Bolero parteiübergreifend noch bei einem Bier zusammensitzt.«

Ihr Fachausschuss in dieser Wahlperiode war der für Soziales. Dort bringt Mauthe ihre Erfahrungen als Tagesmutter ein. Seit 2008 betreut sie in einem Anbau ihres Hauses mit Garten kleine Kinder bis zum dritten Lebensjahr aus Rödgen und Umgebung. »Es war immer mein Wunsch, mit Kindern zu arbeiten«, sagt sie. Das tue sie auch in der Pandemie, denn viele Elternpaare seien auf Betreuung angewiesen. Auch aufgrund ihrer damaligen Erkrankung sei sie »sehr vorsichtig« und trage von Anfang an einen Mund-Nasen-Schutz. »Aber es ist nicht so, dass ich permanent Angst habe«, fügt Pia Mauthe hinzu. Wünschenswert wäre es natürlich, Personen, die mit Kindern arbeiten, zügig zu impfen. Von der Stadt, deren Jugendamt für die Tagespflege zuständig ist, würde sie sich etwas mehr Unterstützung wünschen. Im Landkreis hätten die Tagesmütter FFP2-Masken erhalten, in der Stadt leider nicht. Ins Wahlprogramm der FW bringt Mauthe die Forderung ein, die Kinderbetreuung beitragsfrei zu stellen.

In den zwölf Jahren hat die Tagesmutter Veränderungen wahrgenommen - vor allem bei den Eltern. »Mütter und Väter wollen immer das Beste und saugen alle möglichen Informationen aus dem Internet auf. Das führt aber eher zu Verunsicherung und einem Verlust an Bauchgefühl«, erzählt Mauthe.

Als Alltagsradlerin hat sie natürlich auch eine Meinung zu den aktuellen Debatten um den Anlagenring und Fahrradstraßen. »Das Radewegenetz ist verbesserungswürdig, gerade in der Beziehung zwischen der Gießener Kernstadt, den Stadtteilen und den Umlandgemeinden«, stelllt Mauthe fest. Ein gutes innerstädtisches Netz sei auch ohne Radspuren am Anlagenring machbar. »Für unseren Innenstadthandel wäre das nicht gut«, ist die Freie Wählerin überzeugt. Die Notwendigkeit einer Verkehrsberuhigung des Stadtkerns sieht sie gleichwohl. In den Parkhäusern sei oft »noch viel Platz«, gleichzeitig werde durch die Innenstadtstraßen gekurvt und Ausschau nach freien Parkplätzen gehalten. Bei der Verkehrslenkung gebe es in Gießen »noch viel Luft nach oben«. Ebenso beim Busfahrpreis, der für Kurzstrecken zu hoch sei. »Einmal hin und zurück sind fast fünf Euro. Das ist nicht unbedingt ein Anreiz, das Auto stehen zu lassen.«

Ziel der Freien Wähler, die im Landkreis schon lange mitregieren, ist auch in der Stadt ein Regierungs-Comeback - nach dem Intermezzo zwischen 2001 und 2006. »Das muss immer das Ziel sein, wenn man die eigene Stadt mitgestalten will«, fügt Pia Mauthe hinzu - und zieht die wärmende Mütze über die Ohren. Das Läuferinherz ruft. (mö)

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