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Die Gießen-Ansicht von Wilhelm Groos: Justus von Liebig bekam das Bild 1852 zur Erinnerung von seinen Professorenkollegen geschenkt, als er die Gießener Universität verließ.

Die Eisenbahn fährt aus dem Bild

  • VonRedaktion
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Eine vermeintlich idyllische Gießen-Ansicht von Maler Wilhelm Groos erzählt im Oberhessischen Museum ein Stück Technik- und Industriegeschichte.

Kunstwerke vergangener Tage üben auf uns mitunter deshalb eine starke Faszination aus, weil sie uns als Betrachter auf eine anregende Zeit- und Entdeckungsreise schicken, auf der wir Orte und Landschaften bestaunen können, wie sie früher einmal ausgesehen haben. Wie beim Blättern in alten Fotoalben tauchen wir in längst verwehte Zeiten ein, stoßen hier und da auf Altvertrautes in ursprünglicher Gestalt und erleben bei genauerem Hinsehen nicht selten die eine oder andere Überraschung.

So ergeht es einem im Oberhessischen Museum vor einem Ölgemälde des in Gießen 1824 geborenen Malers Wilhelm Groos (das Todesjahr ist leider nicht bekannt), der die Ansicht seiner Heimatstadt 1852 mit fast fotografischer Exaktheit auf die Leinwand gebracht hat. Von einem leicht erhöhten Standpunkt aus blickt man auf die beschauliche Provinz- und Universitätsstadt, wie sie sich vor 170 Jahren dem ankommenden Wanderer präsentierte. Die Ansicht gliedert sich klassisch in Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Unser Augenmerk gilt zunächst der Stadt im Mittelgrund, deren Gebäude sich harmonisch an die sanft-hügelige Landschaft entlang der Lahn anschmiegen. Man sieht die Stadtkirche, davor den Turm des Alten Schlosses und rechts davon den langgestreckten Bau des Zeughauses.

Über den Maler ist wenig bekannt

Auf der linken Seite ziehen sich die Häuser bis zum Seltersberg hin. Rechts im Hintergrund thronen die Burgen auf dem Gleiberg und Vetzberg; dahinter ragt der Dünsberg aus einer Kette blauer Berge empor, die einerseits die Ausläufer des Westerwalds, andererseits links in der Ferne den Taunus erkennen lassen.

Über den Maler weiß man nicht viel, nur dass er 1824 als junger Mann an die renommierte Düsseldorfer Kunstakademie ging, um bei dem seinerzeit berühmten Johann Wilhelm Schirmer Landschaftsmalerei zu studieren. Schirmer vertrat eine romantisch verinnerlichte Haltung zur Natur. In realistischer Weise schuf er Landschaftsausschnitte mit höchster Sensibilität für stoffliche Eigenart und Lichtphänomene. Diese für die Düsseldorfer Landschaftsmalerei eigentümliche Mischung von realistischen und romantischen Tendenzen lässt sich auch aus der Gießen-Ansicht des Schirmer-Schülers herauslesen. So kleidet er in den Vordergrund, den Obstwiesen, Gärten und ein Getreidefeld ausfüllen, eine kleine spätbiedermeierliche Idylle: Da ist eine Bäuerin mit geschulterter Sense zu ihrer Feldarbeit unterwegs; zwei weitere Frauen folgen ihr. Mag sein, dass Groos damit dem Publikumsgeschmack einer meist städtischen Käuferschicht an der Schilderung eines verklärten Landlebens Tribut zollte, aber auffälliger ist doch, dass der Maler hier außerordentlichen Sinn für die atmosphärischen Gegebenheiten der Landschaft beweist, dass Kolorit und Stimmung des Bildes ganz von den tages- und jahreszeitlichen Lichtverhältnissen getragen sind: Hier ergießt sich die Mittagssonne eines schönen Sommertages über eine lichtgetränkte Landschaft unter malerischem Wolkenhimmel. Auf den Mittagsstand der von links oben außerhalb des Bildes scheinenden Sonne verweisen die Schatten der Obstbäume.

Der Clou verbirgt sich im Detail

Der eigentliche Clou des Gemäldes zeigt sich aber woanders. Wer genau hinschaut, entdeckt am rechten Bild eine große technische Neuerung jener Zeit: die Eisenbahn. Auf ihrer Fahrt nach Lollar in Richtung Norden zieht die Lok eine imposante Dampfwolke hinter sich her. Gleich ist sie aus dem Bild herausgefahren. So gesehen ist die Gießen-Ansicht von Wilhelm Groos nicht nur ein Stück Stadtgeschichte, sondern schildert auch ein Stück Technik- und Industriegeschichte einer aufstrebenden Region.

Ab 1850 Bahnhof am Oswaldsgarten

Seit 1850, als ein provisorischer Bahnhof am Oswaldsgarten errichtet wurde, verband die Eisenbahn Gießen mit anderen Regionen und Städten Deutschlands. Das Provisorium wurde 1853/54 durch den Bahnhof auf dem heutigen Gelände ersetzt. 1852, also in jenem Jahr, als Groos das Bild malte, war die Main-Weser-Bahn gerade fertig und stellte die Verbindung nach Frankfurt und nach Berlin über Kassel her.

Momentan kann das Werk nicht im Original bewundert werden, denn aufgrund der geltenden Corona-Regeln bleibt das Museum weiterhin geschlossen.

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