Ganz schön dunkel: Pfarrer Matthias Weidenhagen (l.) und die nächtlichen Besucher erkunden den Altar der Johanneskirche. FOTO: CSK
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Ganz schön dunkel: Pfarrer Matthias Weidenhagen (l.) und die nächtlichen Besucher erkunden den Altar der Johanneskirche. FOTO: CSK

FERIENKARUSSELL

Dicke Mathilde bleibt stumm

  • vonChristian Schneebeck
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Gießen(csk). Vorsichtig lugt der nächtliche Besuch hinein. Alles dunkel, keiner da. Die Johanneskirche schläft. Normalerweise spähen wohl die Geistlichen vor einem Gottesdienst durch das kleine Loch in der Tür zur Sakristei. Am Donnerstagabend sind es drei Kinder und vier Erwachsene, die Matthias Weidenhagen explizit dazu auffordert. Wäre der Pfarrer nicht dabei, hätte die ganze Aktion etwas von einem Einbruch: Ausgerüstet mit Taschenlampen, huschen die beiden Familien kurz nach 23 Uhr über den Parkplatz, sie nehmen den Hintereingang, schließen behutsam die leicht knarrende Tür. So aufregend kann es sein, eine Kirche zu besichtigen. Zumindest bei der Taschenlampenführung im Gießener Ferienkarussell.

Anfangs scheint sogar der Geruch von Weihrauch in der Luft zu liegen, als Weidenhagen die Gruppe draußen begrüßt. Eine Stunde bis Mitternacht - die ideale Zeit für Mysteriöses samt einer Prise Grusel. Aber vorher gibt’s schnell die theologisch-historischen Grundlagen: Benannt ist die Kirche nach dem Evangelisten, nicht etwa nach dem Täufer; ihr Turm ist 72 Meter hoch und damit der größte seiner Art in Gießen. Alles schön und gut. Doch beim Publikum wächst spürbar die Ungeduld. Der Pfarrer selbst zeigt sich ebenfalls "ein bisschen aufgeregt" vor seiner ersten Taschenlampenführung.

Ein paar Minuten und den einen oder anderen verstohlenen Blick später steht man schon am Altar. Weidenhagen nutzt den Moment, um ein biblisches Motiv zu erklären. Als "lebendige Steine" bildeten die Gläubigen das "Haus Gottes". Im Gotteshaus wie in der Heiligen Schrift markierten Steine außerdem die Erlebnisse versammelter Christen und also die Anwesenheit der Menschen selbst. "Steine statt Selfies", fasst der Pfarrer den Gedanken zusammen. Noch ein wenig überraschter sind die Zuhörer bloß über das verborgene Wasser im Altar. Es steckt direkt unter einer Kupferplatte. Weiter führt die Exkursion in den Mittelteil der Kirche. Hier schafft die Gruppe zusätzliche Beleuchtung, indem sie einige Teelichter entzündet. Oben an der Orgel sorgen dann zunächst die Zahlen für staunende Gesichter: Ungefähr 4800 Orgelpfeifen bildeten das imposante Instrument, so Weidenhagen. Ein neues schlage da gut und gern mit einer Million Euro zu Buche. Die zwölfjährige Jana beeindruckt lieber mit ihren musikalischen Fähigkeiten: Im Dunkeln bringt sie das riesige Teil zum Erklingen.

Tonnenschwere Glocke

Die dicke Mathilde bleibt hingegen ausnahmsweise mal stumm. Ist auch besser so, denn heute bekommt sie spät noch Besuch. Drei Tonnen wiege die schwerste der fünf Johanneskirchen-Glocken, referiert Weidenhagen irgendwo auf der Wendeltreppe im Turm. Es ist genau 23.53 Uhr. Bange Blicke, Stirnrunzeln: Die wird doch gleich nicht etwa…? Nein, wird sie nicht. "Ich habe die Glocken vorsichtshalber ausgestellt", beruhigt Weidenhagen die Gäste gerade noch rechtzeitig. So genießen sie unbeschwert den Blick über das nächtliche Gießen. Zum Tageswechsel sind fast alle Fragen beantwortet. Nur eines weiß niemand, als der Pfarrer die Nachtschwärmer, wieder am Boden, verabschiedet: Für wen steht hoch oben, unweit von Mathilde, eigentlich ein einzelner Stuhl?

Im kostenlosen Familienprogramm des Ferienkarussells, das wegen Corona in diesem Jahr stark reduziert werden musste, gibt es noch freie Plätze bei zwei Events. Für das Gummihuhngolf-Turnier am 25. Juli (11 bis 13.30 Uhr) im Stadtpark Wieseckaue sollten sich stets drei bis sechs Teilnehmer gemeinsam anmelden. Kinder ab 10 Jahren sind dabei willkommen. Kinder zwischen 12 und 17 Jahren können noch einen Platz erhalten für das Klettern an den Eschbacher Klippen am 20. Juli (8 bis 16 Uhr). Weitere Infos sowie das Anmeldeformular unter ferienkarussell-giessen.de.

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