Mustafa Can auf dem Weg in die Erstaufnahmeeinrichtung an der Rödgener Straße. Trotz Aufenthaltserlaubnis kann er momentan noch nicht ausziehen. FOTO: SCHEPP
+
Mustafa Can auf dem Weg in die Erstaufnahmeeinrichtung an der Rödgener Straße. Trotz Aufenthaltserlaubnis kann er momentan noch nicht ausziehen. FOTO: SCHEPP

Frage der Perspektive

"Deutschland bedeutet Freiheit"

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
    schließen

Trotz Corona und trotz der Kontakteinschränkungen ist Mustafa Can froh, seit sechs Monaten in Deutschland zu leben. In seiner Heimat war der Türke zu über sieben Jahren Haft verurteilt worden.

Es soll ja Menschen geben, die sich wegen der seit Wochen geltenden Kontakteinschränkungen derart in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen, dass sie Deutschland auf dem Weg in einen autoritären Staat wähnen. Es gibt aber auch Menschen, die froh sind, momentan in Deutschland zu leben: So wie Mustafa Can. In der Türkei zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, hat er fast ein halbes Jahr in der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung (HEAE) an der Rödgener Straße gelebt. Can heißt nicht wirklich so. Seinen richtigen Namen nennen wir hier nicht, um seine Familie in seiner Heimat zu schützen. "Wenn sie dich nicht bekommen", sagt er, "lassen sie deine Familie für dich bezahlen."

"Wenn du Häftling in der Türkei bist, dann ist es nicht gut. Aber als politischer Häftling ist es schlimmer"

Der Weg des Mittdreißigers nach Deutschland beginnt vor drei Jahren. Am 15. Juli 2016 scheitert ein Putschversuch von Teilen des türkischen Militärs. Ermittlungsbehörden, staatliche Stellen und die regierende AKP machen den im Exil lebenden Fethullah Gülen für den Umsturzversuch verantwortlich. Cans Problem: Familienmitglieder sind Gülen-Anhänger, und so sei auch er ins Visier des Geheimdienstes geraten. "Dabei bin ich kein Anhänger dieser Bewegung", sagt er. Der verheiratete Familienvater wird verhaftet, sitzt ein knappes halbes Jahr im Gefängnis und wird vor Gericht gestellt. Das Urteil: fast acht Jahre Haft.

Ihm bleibt nur die Flucht. "Wenn du Häftling in der Türkei bist, dann ist es nicht gut. Aber als politischer Häftling ist es schlimmer", sagt Can auf Englisch. Dafür, dass er erst seit kurzem in Deutschland lebt, ist sein Deutsch sehr gut. Aber auf Englisch kann er sich sicherer ausdrücken. "Ich hatte ein gutes Leben in der Türkei", sagt der studierte Ingenieur. Seine Geschwister? Alle mit Hochschulabschluss. Die wirtschaftlichen Verhältnisse? Gut. Nur eines hatte Can nach eigenen Angaben plötzlich nicht mehr: Rechte.

Can nennt ein Beispiel: "Jeder hat eine Meinung. Der eine mag Tee, der andere Kaffee." In der Türkei sei es nun so, dass jeder Tee mögen müsse, wenn Präsident Recep Tayyip Erdogan dies tue. "Deutschland bedeutet Freiheit", sagt Can. "Freiheit" sagt er auf Deutsch. Er schweigt kurz, bevor er hinzufügt: "Auch hier kann man schuldig gesprochen werden. Aber man bleibt doch ein Mensch." Can hat nicht nur wegen des Geheimdienstes Angst um seine in der Türkei zurückgebliebene Familie. Auch wegen des Coronavirus macht er sich große Sorgen. "Meine Heimat ist darauf nicht gut vorbereitet", sagt er. Dass er nun in Deutschland sei - "einem der besten Orte der Welt", wie er sagt - sei ein "Geschenk Allahs".

"Ich lebe weiter als Mensch"

Als Can seinen Verwandten in der Türkei erzählt, er dürfe sich hier trotz der Corona-Pandemie frei bewegen, seien sie geschockt gewesen und hätten es ihm nicht geglaubt. "Sie fragen mich immer, warum mich niemand zurechtweist, wenn ich unterwegs bin", sagt Can und schmunzelt. "Ich lebe weiter als Mensch." Wenn er eine Fahrradtour mache und jemanden - mit gebührendem Abstand und Maske - anspreche, werde er nicht weggescheucht, sondern erhalte eine Antwort. Es klingt profan - ist es aber nicht, wenn man wegen seiner Erfahrungen eine andere Perspektive hat.

Can ist mittlerweile als Flüchtling anerkannt und hat eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre erhalten. Aus der Erstaufnahmeeinrichtung ausziehen konnte er eine lange Zeit trotzdem noch nicht - obwohl das nach dem Erhalt der Aufenthaltsgenehmigung üblich ist. "Wegen Corona", sagt der Mittdreißiger, der in der HEAE gemeinsam mit zwei Familienmitgliedern in einem Zimmer wohnte und mittlerweile in eine andere Stadt überstellt worden ist. Generell habe sich das Leben im "Camp" verändert. "Alles ist leiser", sagt Can.

"Abstand, Abstand"

Das liegt auch daran, weil viele interne Einrichtungen geschlossen sind und die Bewohner nur in Notfällen persönlich vorstellig werden sollen. Die Bibliothek und der Fußballplatz sind geschlossen, das Frauencafé auch, und Integrationskurse finden ebenfalls nicht statt. In der Kantine darf nicht gegessen werden; die Bewohner der HEAE holen sich das Essen einzeln ab und nehmen es mit aufs Zimmer. Den Infopunkt, die Poststelle oder den medizinischen Bereich darf immer nur eine Person auf einmal betreten. Neuankömmlinge müssen zwei Wochen in einem separaten Gebäude bleiben.

Es gibt selbstverständlich die gleichen Regeln wie außerhalb der Einrichtung. Und auch in der HEAE gibt es eben Menschen, die sich manchmal nicht daran halten, zum Beispiel in Grüppchen zusammenstehen. Die Mitarbeiter der Einrichtungen würden dann "freundlich" bitten, auseinanderzugehen. Auf den Gängen sind Markierungen auf dem Boden angebracht, damit die Bewohner sich nicht näher als eineinhalb Meter kommen. "Abstand, Abstand", sagt Can auf Deutsch und lacht. Dann wird er ernst: "Die Arbeit von den Sicherheitsleuten ist sehr schwer. Wir müssen die Regeln beachten, sie sind zu unserer Sicherheit."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare