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Deutsche Wert(h)arbeit

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Von: Christoph Hoffmann

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Dr. Ralf Christoph (l.) und sein Sohn Dr. Raoul Christoph sind gut ausgebildete Mitarbeiter besonders wichtig. © Oliver Schepp

Das Unternehmen Werth Messtechnik ist in den vergangenen Jahrzehnten rasant gewachsen. In einigen Bereichen ist es sogar weltweit führend. In nahezu allen Branchen kommen die in der Siemensstraße gefertigten Messgeräte zum Einsatz. Das hat den Vorteil, dass das Familienunternehmen sicher durch Krisen kommt.

Im Foyer des Unternehmens Werth Messtechnik in der Siemensstraße steht ein großes Computertomografie-Gerät. Darin werden nicht die Köpfe oder Lungen von Patienten durchleuchtet, sondern zum Beispiel Diesel-Einspritzdüsen, künstliche Hüftgelenke und kleine Plastikteile, die in elektrische Zahnbürsten verbaut werden. »Mit dem Computertomografen werden Werkstücke durchstrahlt und die darin enthaltenen Baugruppen digital als 3D-Rekonstruktion sichtbar gemacht«, sagt Dr. Ralf Christoph, der Inhaber des Unternehmens. Durch diese und andere von Werth entwickelte Techniken können Objekte innerhalb von wenigen Sekunden bis zu einem Zehntel Mikrometer genau gemessen werden. »Mit unserem Mikrotaster etwa«, sagt Christoph, »können wir sogar Bohrungen dünn wie ein Haar von Innen messen.«

Diese Genauigkeit ist bei der Herstellung unzähliger Produkte notwendig. Kein Wunder also, dass die Systeme aus dem Hause Werth weltweit in nahezu allen Branchen verwendet werden und das Unternehmen somit zum Marktführer macht.

Angefangen hat alles eine Nummer kleiner. Kurz nach dem Krieg gründete der Maschinenbauingenieur Dr. Siegfried Werth in Düsseldorf das nach ihm benannte Unternehmen. In den 50er Jahren zog es ihn dann nach Gießen, wo die Stadt Unternehmer mit günstigem Bauland anlockte. In der Siemensstraße, auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs, errichtete Werth seinen neuen Firmensitz. Anfang der 80er Jahre verkaufte er sein Unternehmen an die Schunk-Gruppe. Eine Dekade später, mitten in einer Wirtschaftskrise, stieß der Heuchelheimer Konzern Werth wieder ab - und Christoph nutze die Chance. »Ich war damals Entwicklungsleiter im Unternehmen und hatte mich zuvor zehn Jahre lang an der Universität Jena mit optischer Messtechnik und Bildbearbeitung beschäftigt, was damals noch ganz neu war.« Diese Expertise brachte Christoph in sein neues Unternehmen ein - und sorgte somit für ein rasantes Wachstum.

Von 40 auf über 400 Mitarbeiter

1992, als Christoph die Mehrheit der Anteile übernahm, beschäftigte Werth 40 Mitarbeiter. Heute sind es alleine in Gießen 380 und in Tochterunternehmen für Vertrieb und Service beispielsweise in China, Frankreich oder den USA noch einmal circa 60. »Der Umsatz hat sich verfünfzehnfacht«, sagt der Inhaber, zuletzt habe er bei über 50 Millionen Euro gelegen.

Christoph sitzt an diesem Nachmittag zusammen mit seinem Sohn, dem Prokuristen Dr. Raoul Christoph, in einem Besprechungsraum des Unternehmens. Die beiden müssen nur den Blick schweifen lassen um Produkte zu sehen, für die Messtechnik aus dem Hause Werth unverzichtbar ist. Die Kapseln für die Kaffeemaschinen zum Beispiel, die auf dem Tisch liegenden Smartphones, selbst der Abziehring der Cola-Dose kommt ohne Messtechnik nicht aus. »Wenn der Verschluss nicht die richtige Dicke hat, platzen die Dosen«, sagt der Firmeninhaber und nennt als weitere Einsatzgebiete Schweizer Uhren, Luft- und Raumfahrt und vor allem die Medizintechnik. Christoph vergleicht die Fertigung von solchen und weiteren Werkstücken mit Legosteinen: Wenn ein Teil nicht die richtigen Maße hat, ist ein Zusammenbau nicht möglich.

Mit der Röntgentomografie beschäftigt sich Werth bereits seit Anfang der 2000er Jahre. »Wir haben diese Technik für die Messtechnik weiterentwickelt und waren weltweit die ersten damit«, sagt Christoph. Inzwischen machten diese Geräte die Hälfte des Umsatzes aus. Deutlich älter, aber immer noch sehr gefragt, sei die Multisensor-Koordinatenmesstechnik, die beispielsweise durch optische sowie tastende Sensoren Objekte erfasst und mikrometergenau misst. Hinzu kommen weitere Verfahrensweisen, die Werth teilweise selbst entwickelt hat, weshalb der Geschäftsführer auch von einer »weltweiten Technologieführerschaft« spricht.

Diese Art von High-Tech entsteht nicht durch Aushilfskräfte am Fließband. »Fast alle unsere Mitarbeiter sind mindestens Facharbeiter, gut die Hälfte hat einen Hochschul- oder Technikerabschluss«, sagt Christoph. Zudem bilde das Unternehmen 60 junge Menschen aus, etwa zum Mechatroniker, zum Produktdesigner oder in kaufmännischen Berufen. »Studium Plus« sei in seinem Unternehmen ebenfalls weit verbreitet, sagt Christoph, er biete auch Absolventen die Möglichkeit zu Doktorarbeiten an. »Wir brauchen diese Mitarbeiter mit gutem Fachwissen«, sagt er, »da wir komplizierte Geräte bauen.«

Regionale Zulieferer mindern Probleme

Trotzdem sind einige Stellen im Unternehmen unbesetzt. Auch Werth leidet unter dem Fachkräftemangel. Christoph sorgt sich vor allem wegen des Einbruchs der Studentenzahlen im naturwissenschaftlich-technischen Bereich. »Für ein Land wie Deutschland ist das ein großes Problem.«

Das zweite große Problem der fertigenden Industrie, die Schwierigkeiten bei den Lieferketten, spürt Werth ebenfalls. Aber nicht im gleichen Maße wie die Konkurrenz, sagt Christoph. »Das liegt unter anderem an der gut entwickelten Infrastruktur in unserer Region.« Gerade die Spin-offs des ehemaligen Leitz Konzerns würden Werth mit wichtigen Komponenten für ihre Messsysteme versorgen.

Uhren, Einspritzdüsen, Kaffeemaschinen, Raumfahrttechnik: Die Bandbreite der Einsatzgebiete ist riesig, was für das Gießener Unternehmen aus vielerlei Gründen vorteilhaft ist. Zum einen wirken sich die Schwächen einer einzelnen Branche nicht allzu negativ auf das eigene Ergebnis aus, sagt Christoph und nennt als Beispiel die andauernden Probleme im Automobilsektor. »Früher war das unser Haupteinsatzgebiet. Jetzt ist es eben die Medizintechnik.« Abgesehen davon sei Werth auch nicht dem Erfolg eines einzelnen Unternehmens ausgeliefert. »Keiner unserer Kunden macht mehr als drei Prozent unseres Umsatzes aus.«

All diese Faktoren lassen Christoph positiv in die Zukunft blicken. Zumal mit seinem Sohn Raoul bereits die nächste Generation bereitsteht, um Geräte für das Messen von großen, kleinen und mikroskopisch kleinen Objekten für Kunden auf der ganzen Welt zu entwickeln.

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