cg_groeninger_280921_4c
+
Katja Gröninger mit einem kleinen Patienten im Wasser des Schwimmteichs.

Der Zauber »unechter« Delfine

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
    schließen

Delfintherapie ohne Delfin. Klingt schräg, ist es aber nicht. Zumindest wenn man die fragt, die daran teilnehmen: Kinder mit Behinderung und deren Familien. Ihnen geht es mit »Delphineoos« deutlich besser. Die Physiotherapeutin Katja Gröninger verbringt jedes Jahr mehrere Wochen ihrer Freizeit damit, Familien bei dieser besonderen Therapie zu begleiten.

Fin schwebt im warmen Wasser, Therapeutin Barbara hält den kleinen Jungen, langsam zieht sie mit ihm ein paar Runden durch den Schwimmteich. Fin trägt eine Weste mit dem »Neoos«, einem kleinen Gerät, das einem MP3-Player gleicht. Von ihm gehen Ultraschallwellen aus, die entspannend wirken. Fin lächelt. Alle Last scheint von dem schwer behinderten Kind abzufallen. Das Lächeln ihres Sohnes ist für die Eltern ein unbeschreibliches Glück. Mehr hatten sie sich gar nicht erhofft. Bekommen haben sie jedoch sehr viel mehr, denn Fin bekommt kaum noch epileptische Anfälle, seit er an der »Delphineoos«-Therapie teilnimmt und auch zu Hause einen »Neoos« nutzen kann.

Momente wie die des lächelnden Fin sind es, die Katja Gröninger zur Wiederholungstäterin machen: Die Gießenerin, die ihre Praxis in Biebertal hat, nimmt jedes Jahr an den Therapiewochen teil, statt in den Sommerurlaub zu fahren. Sie sorgt mit ihren »heilenden Händen« an Land und im Wasser dafür, dass es den Patienten besser geht. Mit Physiotherapie, Bow-tech, mit manueller Therapie - je nachdem, was ihnen gut tut. Wichtiger Bestandteil des Konzeptes ist es, dass nicht nur die Kinder von der Therapie profitieren, sondern auch die Angehörigen, auch sie dürfen mit »Neoos« im Wasser schweben. »Die Eltern behinderter Kinder tragen eine Riesenlast, sie sind häufig psychisch und physisch am Limit«, weiß Gröninger.

»Delphineoos« ist ein Projekt des Vereins »Kosys hilft«. Bereits im Jahr 2000 hat der Neurowissenschaftler Joshua Kohberg das kleine Gerät entwickelt, mit dessen Hilfe Ultraschallfrequenzen und Klänge über die die Haut wahrgenommen werden. Zu Beginn wurde es ergänzend in der klassischen Delfintherapie verwendet, schließlich verzichtete man ganz auf die Unterstützung der fasziniernden Wale - zum einen aus Tierschutzgründen, zum anderen, weil das Gerät einfach einsetzbar ist und mit ihm überraschende Erfolge erzielt wurden. Auch Kliniken und Rehazentren begannen mit »Neoos« zu arbeiten.

Die Therapeutinnen Barbara Dietrich (Physiotherapeutin mit jahrelanger Erfahrung mit »echter« Delfintherapie und Cranio-Sacraltherapie), Simone Kohberg (Geschäftsführerin, Stimmanalytikerin, Organisatorin) und die Gießenerin Katja Gröninger (Physiotherapeutin, Heilpraktikerin) bieten heute einwöchige Therapiewochen in Österreich an. Begonnen hatten sie vor Jahren auf der griechischen Insel Lesbos.

Die Patienten liegen im Wasser eines beheizten Schwimmteichs, sie tragen eine Weste mit dem »Neoos« und werden von einer Therapeutin gehalten. Gleichzeitig gibt es je nach Erkrankung und Behinderung Physiotherapie. Da jede Familie einen »Neoos« mit nach Hause nimmt, kann das Erlernte und Erfahrene in begrenztem Rahmen auch zu Hause weiter fortgeführt werden. Viele der Patienten sind mittlerweile »Stammgäste«: Für sie ist die einwöchige Delfintherapie ohne Delfin eine Pause, in der sie Energie schöpfen. Selbst Eltern, die zu Beginn skeptisch waren, möchten die »Delphineoos«-Unterstützung heute nicht missen. Die meisten der Kinder sind schwer behindert, entweder durch eine Krankheit oder einen Unfall; sie sind motorisch und sprachlich extrem eingeschränkt, häufig leiden sie unter Spasmen oder Anfällen.

In der Regel, schildert Katja Gröninger, werden die Kinder in der Therapiewoche von Tag zu Tag entspannter, fröhlicher, sicherer. Oft beschrieben die Eltern, dass ihre Kinder sich auch Wochen nach der Therapiewoche besser und schmerzfreier bewegen könnten. Neben den »gefühlten« Erfolgen gibt es mittlerweile auch wissenschaftliche Studien der Uni Mainz, die belegen, dass »Delphineoos« das Krankheitsbild der Patienten verbessert.

Finanziert werden die Therapiewochen über Spenden. Der Verein »Kosys hilft« unterstützt häufig Familien, die finanziell nicht gut gestellt sind und sich den »Luxus« einer solchen Woche niemals leisten könnten. Die Termine für den Sommer 2022 sind bereits zur Hälfte ausgebucht.

Die Kinder freuen sich schon jetzt darauf, wieder im warmen Wasser schweben zu können, begleitet von den Klängen eines »unechten« Delfins. Eltern und Therapeutinnen wiederum freuen sich auf das Lächeln der Patienten, das ganz und gar echt ist und von einem Ohr zum anderen reicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare