Der Widerstand beginnt bei Worten

Gießen (csk). Zwischen dem nationalsozialistischen Völkermord und seiner offiziellen Anerkennung durch Bundeskanzler Helmut Schmidt im März 1982 lagen fast 40 Jahre. Nicht zuletzt daran hat die online ausgestrahlte Gedenkstunde des Magistrats am 78. Jahrestag der Deportation von 14 Angehörigen der Gießener Sinti und Jenischen erinnert.
Gegen Diskriminierung kämpften Überlebende und Hinterbliebene mitunter bis heute, sagte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz in ihrer Rede am Dienstagabend. Doch während Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Wahrheit längst nicht immer der Vergangenheit angehörten, erlebe das Land gerade eine »unsägliche Diskussion« über Sprachregelungen.
Gemeint war die Debatte über das Wort »Zigeunerschnitzel«, die wegen einer Fernsehtalkshow unlängst mal wieder neu hochgekocht ist. Statt solche Ausdrücke zu verteidigen, sollten sich die Menschen lieber dafür einsetzen, dass der Begriff »Rasse« schnellstmöglich aus dem Grundgesetz verschwinde, forderte Grabe-Bolz.
Eine entsprechende Initiative hat die Bundesregierung auf den Weg gebracht. »Richtig und überfällig« nannte das die Oberbürgermeisterin. Zuvor hatte sie aller Opfer der NS-Verbrechen gedacht und erklärt: »Sie haben einen festen Platz in unserem Gedächtnis.«
Dass es nicht ausreiche, regelmäßig an vergangene Schrecken zu erinnern, betonte auch Rinaldo Strauß vom hessischen Ableger des Verbandes Deutscher Sinti und Roma. Die zahlreichen »tiefen Verletzungen und Traumata« der Sinti und Roma interpretierte er als fortwährende Mahnung zu Widerstand und Zivilcourage. Ob im Bildungssektor, auf Wohnungssuche oder in anderen Situationen: Benachteiligungen seien für Sinti und Roma weiter an der Tagesordnung. Wohin rassistische Ideologien führen könnten, hätten zuletzt etwa die Anschläge in Kassel, Hanau und Halle gezeigt. »Umso wichtiger ist es jetzt, dass wir den Kampf dagegen gemeinsam führen«, sagte Strauß.
Kranzniederlegung am Nachmittag
Wie ein solcher Kampf mit literarischen Mitteln aussieht, demonstrierte die Schriftstellerin Ursula Krechel. Ihr Roman »Geisterbahn« entfaltet die Lebensgeschichte der fiktiven Sinti-Familie Dorn, beginnend 1936 bis tief hinein in die Nachkriegszeit. Krechel berichtete dem Publikum von ersten Ideen und umfangreichen Arbeiten in Bibliotheken und Archiven. Die »Gebrochenheit der Überlebenden« sei ein Grundmotiv des Werkes: »Wie auf einer schiefen Ebene sollte der Ton des Textes abrutschen.«
Allzu »larmoyant« und »eigentlich ganz unbrauchbar« seien ihr während der Recherchen indes viele literarische Nachkriegs-Auseinandersetzungen mit dem Thema vorgekommen. Eine Passage aus Krechels Buch bildete den Abschluss der Gedenkstunde, die musikalisch vom multikulturellen Orchester um Georgi Kalaidjiev begleitet wurde.
Eine Videosequenz zeigte anschließend noch Grabe-Bolz, wie sie am Mahnmal für alle Opfer und Verfolgten des Naziregimes die Namen der 14 am 16. März 1943 deportierten Gießener Sinti und Jenischen verlas. Bereits nachmittags hatte sie dort, gemeinsam mit Stadtverordnetenvorsteher Frank Schmidt, symbolisch Blumen niedergelegt.
FOTO: CSK



