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Baumpflanzung zu Ehren von Josef »Jossi« Stern, der am Dienstag 100 Jahren alt geworden wäre.

Der »Nazi-Spuk« ging nicht vorbei

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Am Dienstag wäre Josef »Jossi« Stern 100 Jahre alt geworden. An den 2019 gestorbenen Brückenbauer zwischen Gießen und Israel erinnert nun im Stadtpark Wieseckaue ein Baum. Bei einer Gedenkstunde wird die Dramatik seines Lebens offenbar.

Für Josef »Jossi« Stern wäre die Sonne, die am späten Dienstaganachmittag auf den Stadtpark Wieseckaue niederbrennt, sicherlich kein Problem gewesen. An Hitze wird er sich in den 83 Lebensjahren, die in der in Israel verbracht hat, gewöhnt haben. Die, die am Dienstag an ihn erinnern, ziehen sich lieber in den Schatten eines Baums neben der Sitzbank zurück, die im Stadtpark Gießens israelische Partnerstadt Netanya symbolisieren soll.

Marion Balser, Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Gießen-Netanya, kümmert sich nicht nur um das Andenken des gebürtigen Gießeners, sondern auch um die Teilnehmer der kleinen Gedenkstunde. Eine Kühltasche mit Wasserflaschen hat sie dabei. »Trinkt erstmal was«, ruft die Reiskichenerin, ehe es um die eigentliche Sache geht. Die steht zehn Meter entfernt in der Sonne. Es ist eine Weißesche, die das Gartenamt auf Initiative von Balser hin im Frühjahr gepflanzt hat, und zwar zu Ehren von Josef Stern. Am 15. Juni wäre der Jude, der 1921 am Gießener Marktplatz geboren wurde, 100 Jahre alt geworden. Stadträtin Astrid Eibelshäuser würdigt ihn im Beisein von Vertretern des Partnerschaftsvereins und der christlich-jüdischen Gesellschaft als »einen der wichtigsten Brückenbauer zwischen Gießen und Israel«. Es folgt eine bewegende Minute, als Eibelshäuser anschließend aus Sterns Tagebuch die Passage über seinen »letzten Tag in Gießen« vorliest.

Mit 15 Jahren nach Palästina

Es war August 1936, als über Nacht die Entscheidung fiel, den 15-Jährigen nach Palästina zu schicken. Dass das seine Rettung vor der Nazi-Vernichtungspolitik war, habe an diesem Tag niemand geahnt. »Mein Vater brachte mich bis nach Frankfurt. Er sagte die ganze Zeit, dass ich in ein oder zwei Jahren wieder zurückkommen würde. Dann wäre der Nazi-Spuk vorbei«, schrieb Stern. Der Nazi-Spuk ging nicht vorbei und wurde immer schlimmer. Vater, Mutter und Schwester sah Josef nie wieder; sie verschwanden spurlos in der Massenmordmaschine von Auschwitz.

Obwohl durch dieses Schicksal geprägt, hing »Jossi« Stern an der Heimat seiner Kindheit. Gemeinsam mit seinem Onkel Fritz Kaminka knüpfte er schon bald Kontakte in Gießen. In Haifa gründeten beide 1963 den »Verein ehemaliger Gießener und der Umgebung«, der zeitweise über 200 Mitglieder hatte; ehemalige Juden aus Gießen, die die Nazi-Verfolgung auf alle Kontinente verstreut hatte. Stern organisierte die Begegnungswochen, die alle zwei Jahre in Gießen stattfanden und verstreute jedesmal am Holocaust-Mahnmal auf dem Neuen Friedhof Erde aus Israel. 2008 erhielt er die Hedwig-Burgheim-Medaille. die höchste Auszeichnung, die die Universitätsstadt Gießen zu vergeben hat.

Aus Haifa in alle Welt

Zu seiner Heimat in Israel wurde Haifa, von wo aus er die Kontakte in die ganze Welt zu früheren jüdischen Bürgern aus dem Landkreis Gießen knüpfte und hielt. Es entstand eine beeindruckende Dokumentensammlung, die nach seinem Tod ans Gießener Stadtarchiv ging.

»Eigentlich ist er damals vom einen Krieg in den nächsten geraten«, erinnert Marion Balser, deren Verein die Baumpatenschaft übernommen hat, an die vielen Nahostkriege, die Stern später miterleben musste. Wunschlos glücklich sei »Jossi« gewesen, wenn ihm seine Freunde aus Gießen Kreuzworträtselhefte mitbrachten oder zuschickten.

Warum auf der Wiese neben dem Hauptweg Richtung Schwanenteich ein Baum gepflanzt wurde, steht auf einer Tafel.

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