Ein Mann im Rollstuhl vor einem PC. Hinter ihm steht ein anderer Mann mit einer grünen Gitarre.
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Niels Petersen am Mischpult: Der 22-Jährige kann seine Leidenschaft für Musik zum Beruf machen.

Arbeiten mit Behinderung

Der lange Weg eines Gießeners zum Wunschberuf

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Ein junger Mann will Musiker werden. Weil er eine Behinderung hat, braucht er mehr Unterstützung als andere. Die bekäme er auch, aber nicht im Wunschberuf.

Gießen – Niels Petersen fährt mit seinem Rolli voraus. »Kommt, ich zeig’ euch meinen Arbeitsplatz.« Er nimmt vor dem Mischpult Platz, hier bearbeitet er eingespielte Töne und mischt sie ab. Niels macht eine Ausbildung zum Tontechniker. Dass er diesen Wunschberuf ergreifen kann, findet er großartig, denn zuvor wusste der 22-Jährige nicht so recht, was aus ihm werden sollte. »Mir fehlte eine Perspektive«, sagt er. Nach dem Realschulabschluss und Fachabitur hing er in der Luft, von seinem Traum, einen Beruf zu ergreifen, in dem er seine Leidenschaft für Musik einbringen konnte, war er Lichtjahre entfernt.

Im Alter von 15 Jahren erfuhr Niels Petersen, dass er an Friedreich-Ataxie leidet, einer degenerativen Erkrankung des zentralen Nervensystems. Er ist heute auf einen Rollstuhl angewiesen. Da das Gitarrespielen nicht mehr in Frage kam, suchte er nach einer Alternative - und fand sie bei der Rock Pop Jazz Akademie Mittelhessen (RPJAM). Im September hat er eine dreijährige Ausbildung zum Audio Engineer begonnen. Die Geschäftsführer Andreas Dieruff und Marion Krämer zögerten keinen Moment, dem Mannheimer den Start zu ermöglichen. Petersens Eltern unterstützen ihren Sohn finanziell, die Musikakademie kommt ihm ebenfalls entgegen. Der Chef holt den jungen Mann, der mit der Bahn anreist, sogar jede Woche vom Bahnhof ab, zudem kümmert sich Dieruff derzeit darum, ob ein barrierefreier Zugang in die oberen Stockwerke finanzierbar ist.

Auszubildender aus Gießen: Oft fehlt die richtige Unterstützung für Behinderte

Das Engagement des Arbeitgebers sei ebenso vorbildlich wie selten, sagt Kornelia Steller-Nass, die Vorsitzende des Arbeitskreises für Behinderte. Sie freut sich darüber, gleichzeitig bringt es sie auf die Palme, dass es häufig nur dank persönlichen Einsatzes – in diesem Fall von RPJAM – gelinge, den Weg zum Wunschberuf zu ebnen. »Wir haben zwar das Bundesteilhabegesetz, aber Theorie und Praxis klaffen auseinander«, sagt Steller-Nass. Bei der Umsetzung seien noch viele Hürden zu nehmen. Oft fehle es an Unterstützung der Ämter und Behörden.

Der Arbeitskreis nutzt in jedem Jahr den europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung (5. Mai), um auf Ungleichbehandlungen und Missstände hinzuweisen. In diesem Jahr steht die berufliche Ausbildung im Fokus.

Nach den Erfahrungen von Steller-Nass folgt auf Frühförderung, Kindertagesstätte und schulische Bildung häufig in der Berufsfindung eine Phase, in der Menschen mit Behinderung ihr Anderssein als Defizit wie ein Spiegel vorgehalten werde: Was für andere normal sei, gelte für sie nicht. Dass diese Erfahrungen in die ohnehin schwierige Zeit des Erwachsenwerdens und der Selbstfindung fielen, sei eine zusätzliche Belastung. »Für das Selbstwertgefühl ist das eine Katastrophe«, sagt Steller-Nass.

Gießen: „Behördendschungel“ mache es vielen talentierten Menschen schwer, einen Beruf zu finden

Auch Dieruff und Krämer finden das inakzeptabel. Aus diesem Grund ist ihre Firma gerne Kooperationspartner des Arbeitskreises für Behinderte. Außer Petersen absolviert Marcus Pfeifer bei ihnen eine Ausbildung zum Musiklehrer. Der junge Mann leidet an der frühkindlichen Entwicklungsstörung aus dem Autismusspektrum. Bei ihm zeigte sich schon früh ein Talent für Musik, er sang in der Schulband, spielte Schlagzeug und gehörte einem Gospelchor an. Der erste Arbeitsmarkt kam für ihn aufgrund seiner vielfältigen Einschränkungen nicht in Frage. Man bot ihm über die Arbeitsagentur eine Lehre als Gärtner an, wobei das Gehalt und die notwendige personelle Unterstützung finanziell gefördert worden wären.

Doch das war ganz und gar nicht der Beruf, den Pfeifer ergreifen wollte - sein Herz schlug für die Musik. Das Schulamt konnte nicht helfen, weil RPJAM (eine staatlich anerkannte Musikakademie) nicht in öffentlicher, sondern privater Trägerschaft arbeitet. Um ihm dennoch die Ausbildung zum Musiklehrer zu ermöglichen, übernahm RPJAM die Förderung gemeinsam mit den Eltern selbst. »Dieser Behördendschungel ist die Ursache dafür, dass viele begabte Menschen durchs Raster fallen«, kritisiert Dieruff. (Christine Steines)

Video zum Thema

Niels Petersen sitzt im Rollstuhl. Marcus Pfeifer ist Autist. Aber beide können ihre Leidenschaft für Musik zum Beruf machen. Der eine wird Tontechniker, der andere Musiklehrer. Infos: Arbeitskreis für Behinderte (www.gakfb.de), Musikakademie (www.rpjam.academy). Auf YouTube gibt es ein Video dazu.

Auch die Corona-Pandemie bringt für Menschen mit Behinderungen oft enorme Belastungen mit sich. Das zeigte sich zuletzt Ende 2020, als eine Mitarbeiterin der Lebenshilfe Gießen schwere Vorwürfe gegen den Verein erhob.

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