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Reinhold Messner ist vor wenigen Tagen 77 Jahre geworden. Er will die letzten Jahre, die ihm bleiben, so intensiv nutzen wie die vorher.

Der Grenzgänger

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Bei kaum einem anderen Berg liegen Erfolg und Tragödie so nah beieinander wie beim 8125 Meter hohen Nanga Parbat. Für Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner ist der Berg sein »Schicksalsberg«. Davon wird der 77-Jährige erzählen, wenn er am 15. Oktober in der Kongresshalle zu Gast ist. Untermalt mit Bildern und Filmen spannt er den Bogen von Bergsteigern, die am Nanga Parbat Geschichte geschrieben haben, bis zu seiner eigenen schicksalhaften Expedition, bei der sein Bruder Günther sein Leben verlor.

Herr Messner, glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Nein, nicht im populistischen Sinne. Betrachtet man allerdings das Feinstoffliche, gehen unsere Zellen oder Atome ja auch nach dem Tod nicht verloren. Die werden wieder in die Natur zurückgeführt, das Atom eines Menschen kann so wieder in einer Pflanze oder einem anderen Lebewesen auftauchen.

Sie mussten sich bei Ihren Abenteuern sehr oft mit Angst und dem Tod auseinandersetzen. Haben Sie heute eigentlich Angst vor dem Tod?

Der Tod bedeutet, sich in Zeit- und Raumlosigkeit zu verlieren. Meines Erachtens gibt es keinen schöneren Zustand. Als ich 60 Jahre alt war, habe ich die Wüste durchquert und erkannt, dass jetzt das Altern beginnt. Allein in eine Wüste hineinzugehen und sich dort zu verlieren ist ein schönes Bild, das auf das Sterben vorbereiten kann. Ich habe keine Angst vor diesem Nichts.

Sie konnten eigentlich nicht damit rechnen, so alt zu werden. Wie fühlt es sich an?

Ich habe mit der Vorstellung gelebt, keine 40 zu werden. Mit dem Alter komme ich mittlerweile ganz gut aus. Es gibt nur die Probleme, die alle haben - vor allem mit dem Gedächtnis: Bei Vorträgen schaffe ich es zum Beispiel nicht mehr, so schnell aus einem falsch angefangenen Satz noch einen richtigen zu machen.

Man könnte denken, dass Sie generell keine Angst haben.

Natürlich habe ich Ängste. Aber ich setze ihnen etwas dagegen, das nennt man dann Mut. Doch auch mit dem Mut muss man achtsam sein. Wenn ich nicht ein ängstlicher, vorsichtiger Mensch wäre, wäre ich längst tot.

Sie sind oft ganz allein unterwegs gewesen, an lebensfeindlichen Orten. Wie geht man um mit dieser Einsamkeit?

Einsamkeit ist eine sehr vage Angelegenheit. Viele Singles in einer großen Stadt sind verlorener, als ich es in der Antarktis war. Das Alleinsein ist nur ein größeres »Exponiertsein«, ich kann meine Zweifel nicht teilen. Ich wollte aber auch schauen, ob ich das allein kann, ohne die Hilfe und Unterstützung eines Partners. Ich habe lange gebraucht, bis ich soweit war, tage- oder wochenlang ganz allein in schwieriger Situation zu sein. Aber ich habe auch das gelernt, man kann eigentlich fast alles lernen.

Sie sagen, Tod bedeutet, sich in Zeit und Raum zu verlieren - es gebe keinen schöneren Zustand. Haben Sie denn keine Angst vor dem Tod?

Nein, habe ich nicht. Ich weiß, ich habe nicht mehr allzu viel Zeit vor mir. Die letzten Jahre, die mir bleiben, werde ich genauso intensiv nutzen wie die vorher. Ich habe nie in der Vergangenheit gelebt, sondern immer im Jetzt und im Morgen. Ich freue mich auf die nächsten Jahre und klage nicht über meine Zerbrechlichkeit, wie etwa erfrorene Füße. Ich treffe viel zu viele Menschen, die immer nur jammern, wie fürchterlich es ist.

Ihr Bruder Günther ist bei einer gemeinsamen Expedition am Nanga Parbat umgekommen. 35 Jahre später wurden seine sterblichen Überreste gefunden. Was bedeutete Ihnen dieser Fund?

Es ergab sich erstens die Möglichkeit, den Bruder zu beerdigen, die Sache abzuschließen. Wir haben eine Feuerbestattung gemacht. Das war gerade für die Angehörigen, die sich zum Zeitpunkt seines Todes am anderen Ende der Welt befanden und nicht in seiner Nähe waren wie ich, besonders wichtig. Neben der subjektiv persönlichen Seite gab es jetzt die Beweisführung nach außen, die Bestätigung meiner Schilderung des Unglücks und vor allem die des Ortes. Eine Aufschlüsselung der Tatsachen! Nachdem man alles Mögliche rund um diesen Vorfall kolportiert hatte, mir vorwarf, den Bruder meinem Ehrgeiz geopfert zu haben. Da hatte irgendjemand eine Lügengeschichte in die Welt gesetzt, weil sie sich gut verkaufen ließ. Auch das ist eine interessante Erfahrung gewesen, doch sie spielt heute keine Rolle mehr.

In Ihren Vorträgen lernen die Zuschauer einen sehr persönlichen Reinhold Messner kennen. Manch anderer würde da vielleicht sagen, dass diese Dinge zu privat sind.

Ich dürfte keine Vorträge machen, wenn ich nicht bereit wäre, etwas von mir preiszugeben. Das ist mein Schlüssel zum Vortrag. Ich erzähle nicht irgendwelche sterilen, handwerklichen Bergsteigergeschichten, sondern ich erzähle, was mit mir passiert, wenn ich mich diesen archaischen Welten ausliefere, mit den Gefahren, mit den Anstrengungen, mit der Einsamkeit. Viele Leute waren schon mal einsam und fragen sich: Wie macht der das so ganz allein da oben? Und ich erzähle ihnen, dass das eigentlich gar nicht so schlimm ist.

Welche Erkenntnisse für das Leben zieht man aus einem Leben wie dem Ihren?

Ich trete nicht als Religionsstifter auf die Bühne, der sagt, er weiß, wie es geht. Ich versuche nur, meine Geschichten zu erzählen. Die Zuhörer können dann entscheiden, das nehme ich mit und das nicht. Wir Grenzgänger haben die Möglichkeit, eine Menschennatur zu erfahren, wie sie die meisten Leute in der heutigen Stadt-Zivilisation nicht erleben können. Die Menschen haben in den vergangenen 10 000 Jahren alles getan, um das Leben sicherer und noch sicherer zu machen. Ich habe das genaue Gegenteil gemacht, ich bin dann und wann aus dieser Sicherheit raus in die maximale Gefahr, um zu schauen, wie ich ticke. Und das erzähle ich den Leuten.

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