Leider nicht barrierefrei: Der Eingang des Schiffenberg-Restaurants. Hiltrud Keil und Kornelia Steller-Nass hoffen auf eine Lösung.
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Leider nicht barrierefrei: Der Eingang des Schiffenberg-Restaurants. Hiltrud Keil und Kornelia Steller-Nass hoffen auf eine Lösung.

Gießener Arbeitskreis

Restauranteingang nicht barrierefrei: Arbeitskreis zeigt, was ihn seit 40 Jahren so wichtig macht

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Die einen bemerken sie kaum, für die anderen bedeutet eine Stufe eine unüberwindbare Hürde. Der Gießener Arbeitskreis für Behinderte kämpft seit genau 40 Jahren für Barrierefreiheit. Seit 1981 wurde viel erreicht, doch überflüssig ist der Arbeitskreis noch lange nicht. Jüngster Stein des Anstoßes ist die Stufe vor dem Schiffenberg-Restaurant.

Gießen – Ausgerechnet bei der kleinen Feier zum 40-jährigen Bestehen des Gießener Arbeitskreises für Behinderte stolperten die Gäste kürzlich im wahrsten Sinne des Wortes über eine Stufe. Der Eingang zum Schiffenberg-Restaurant erwies sich für die Gäste mit Rollstuhl oder Rollator als schwierig. Für die Vorsitzende Kornelia Steller-Nass stand fest: »Da müssen wir etwas tun.« Sie möchte keinen Notbehelf wie eine mobile Rampe, die bei Bedarf angelegt wird, sondern eine bauliche Angleichung am Gebäude. Die Stadt nimmt diese Anregung gerne auf: Einen ersten Ortstermin mit einem Architekten hat es soeben gegeben, erklärt Sadullah Güleç, der Chef der Stadthallen-GmbH. Nun muss in Abstimmung mit dem Denkmalschutz eine Lösung gefunden werden.

Fehlende Barrierefreiheit am Schiffenberg-Restaurant: Stadt Gießen reagiert sofort

Die Stufe ist ein gutes Beispiel dafür, womit sich der Arbeitskreis für Behinderte in den 40 Jahren seines Bestehens beschäftigt hat: Ziel ist es, Menschen mit Handicap die Teilhabe in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zu ermöglichen. Barrierefreiheit wird angestrebt, und damit sind bei weitem nicht nur Stufen gemeint. Es geht um Blindenleitsysteme oder Audiounterstützung, es geht um einfache Sprache oder öffentliche Toiletten. Dass gehbehinderte, blinde, taube, demente oder Menschen mit kognitiven Einschränkungen zu Hause bleiben müssten, weil sie einen Ort nicht erreichen könnten, sei inakzeptabel, sagt Steller-Nass. Schon lange sei klar: Diese Menschen seien behindert, aber man behindere sie auch. Jedes Jahr organisiert der Arbeitskreis in der Stadt einen Aktionstag mit einem Schwerpunktthema. Steller-Nass, die seit 1992 Vorsitzende ist, pocht dabei beharrlich auf die Rechte behinderter Menschen. »Sie sind keine Bittsteller, sondern haben dieselben Ansprüche wie Menschen ohne Behinderung.«

Seit dem Gründungsjahr hat es viele Fortschritte gegeben. Der Umgang miteinander sei selbstverständlicher geworden, sagt die Vorsitzende. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Marianne Reisewitz, die selbst eine behinderte Tochter hatte und Elternbeiratsvorsitzende der Lebenshilfe war, außerdem der frühere Leiter des Sozialamtes Werner Goldmann sowie AWO-Geschäftsführer Walter Schneider. Ein Schwerpunkt der Arbeit war damals, Familien mit behinderten Kindern Freizeitangebote zu machen. Legendär sind die Sommertage auf dem Gelände des »Spastikervereins« an der Badenburg, die von vielen Ehrenamtlichen, unter anderem auch der Bundeswehr, unterstützt wurden. Auch weiter entfernte Freizeiten wurden organisiert. Für die Familien war dies oftmals die erste und einzige Chance auf einen Urlaub. Sowohl die Betreuung als auch die Finanzierung hätten viele nicht aus eigener Kraft stemmen können. Auch die Nachmittagsbetreuung für behinderte Kinder ist eine Errungenschaft, die erst nach zähem Ringen realisiert werden konnte. Viele Leistungen, die in den Anfangsjahren mit Spenden finanziert wurden, sind heute Leistungen der Kranken- und Pflegekassen, erläutert Steller-Nass.

Gießener Arbeitskreis für Behinderte: „Dranbleiben ist unser Motto“

Der Arbeitskreis ist heute ein Netzwerk, dem viele soziale und karitative Vereine angehören. Da er sowohl in der Stadt als auch im Kreis in kommunalen Gremien wie dem Behinderten- und Seniorenbeirat vertreten ist, können an vielen Stellen die Interessen behinderter Menschen vertreten werden. Auch bei der Planung öffentlicher Gebäude und Anlagen wird er einbezogen.

Der Verein hat in den 40 Jahren seines Bestehens viel Durchsetzungskraft und einen langen Atem bewiesen. Beides wird auch in Zukunft nötig sein. Steller-Nass: »Dranbleiben war und ist unser Motto.«

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