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Der erste Kontakt im fremden Land

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Von: Christine Steines

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Die Zahl der Geflüchteten aus der Ukraine wächst täglich. Die Bahnhofsmission ist für viele, die mit dem Zug in Gießen ankommen, der erste Kontakt in Deutschland. Ob es um eine Tasse Kaffee geht, ein Lächeln oder um den Weg zum Bus - die Unterstützung ist ein wichtiges Signal. Damit das auch in Zukunft klappt, wird Verstärkung gebraucht.

Eine Verschnaufpause in der Bahnhofsmission, bevor die scheinbar endlose Odyssee weitergeht. Eine Gruppe von sehbehinderten Menschen wartet auf ihren Zug nach Rheinland-Pfalz. Dort werden die Ukrainer in einer Einrichtung untergebracht, in der man auf ihr Handicap eingestellt ist. Die vergangenen Tage haben die Sehbehinderten in der EAEH verbracht, nun geht es weiter. Die Mitarbeiterinnen der Bahnhofsmission sorgen dafür, dass sie sich gut aufgehoben fühlen, sie kochen Kaffee und Tee, es gibt belegte Brötchen. Alle Geflüchteten sind in einer Ausnahmesituation, sie sind verunsichert und mit den Nerven am Ende - für Menschen, die die fremde Umgebung nicht sehen können, gilt das erst recht. »Wenn man die Sprache nicht spricht und dann auch noch auf Abstände achten muss, ist Zuwendung nicht leicht. Aber es hat letztlich gut geklappt« sagt Elisabeth Njionhou Njomehe.

Wachsamer Blick auf Kriminelle

Die Sozialarbeiterin leitet die Gießener Bahnhofsmission. Gemeinsam mit ihrem ehrenamtlichen Team sorgt sie seit Kriegsbeginn dafür, dass die Menschen bei ihrer Ankunft in Gießen eine erste Orientierung erhalten. 518 Kontakte mit Ukrainern hat es bisher gegeben, 97 davon waren Kinder. Pro Tag gab es Hilfestellung für 15 bis 40 Menschen. »Wir wissen jedoch nicht, was kommt. Vermutlich steigen die Zahlen noch weiter an, und dann kommen wir an unsere Grenzen.« Dass Geflüchtete bereits in der Erstaufnahmeeinrichtung waren wie im Fall der Sehbehinderten, ist dabei die Ausnahme. Die meisten sind dorthin unterwegs, um sich registrieren zu lassen.

Für viele ist die Bahnhofsmission der erste Kontakt in Deutschland. Den Mitarbeiterinnen ist es wichtig, dass es nach den Strapazen der Flucht eine angenehme und wohltuende Begegnung ist. Manchmal reicht dazu ein Lächeln, ein Malbuch für ein Kind, eine Tafel Schokolade oder ein starker Kaffee. Manchmal ist auch nur eine praktische, aber wichtige Hilfestellung gefragt: Die Freiwilligen von der Bahnhofsmission zeigen den Ukrainern den Weg zur Haltestelle der Buslinie 17, die sie direkt in die EAEH in die Rödgener Straße bringt. Noch gibt es keine Hinweisschilder am Bahnhof, die den Weg erleichtern würden, aber immerhin gibt es mehrsprachige Flyer des Regierungspräsidiums, die im Reisezentrum und bei der Bahnhofsmission erhältlich sind.

Problematischer, so Njionhou Njomehe, wird es am Wochenende, denn samstags und sonntags fährt die Linie 17 nicht. An diesem Tagen sind die Geflüchteten auf die Linie 1 angewiesen, diese fährt jedoch nicht bis zur EAEH, sondern nur bis zur Sophie-Scholl-Schule. Da auch die Bahnhofsmission am Wochenende nur eingeschränkt (Samstagvormittag) geöffnet hat, gibt es an diesen Tagen kaum Orientierung. »Wir hoffen sehr auf Verstärkung, sodass wir auch das Wochenende abdecken können«, sagt die Sozialarbeiterin. Dem Diakonischen Werk als Träger der Bahnhofsmission ist die ausreichende personelle Ausstattung ein großes Anliegen; die Willkommenskultur hatte für den Verband schon 2015 eine große Bedeutung. Ehrenamtliche Helfer, die sich dem Team der Bahnhofsmission anschließen möchten, sind willkommen.

Die Bahnhofsmission arbeitet mit dem Personal der Deutschen Bahn eng zusammen. Im Blick hat man zum Beispiel, ob auch in Gießen Kriminelle unterwegs sind, die die Not der Geflüchteten ausnutzen wollen. Bisher hat man keine Beobachtungen dieser Art gemacht, auch Zuhälter, deren Ziel es ist, Frauen zur Prostitution anzuwerben, hat man bisher nicht gesichtet. Der Polizei und der Bundespolizei sind solche Fälle ebenfalls nicht bekannt, »wir sind jedoch wachsam«, sagt die Sozialarbeiterin. Auch zu dieser Problematik gibt es mehrsprachige Flyer inklusive Adressen von Beratungsstellen, an die sich die Geflüchteten notfalls wenden können. Die Helferinnen von der Bahnhofsmission sind nicht nur in ihren Räumen am Bahnsteig 1 zu finden, sondern überall auf dem Gelände. In ihren leuchtend blauen Westen sind sie gut zu erkennen. Sie anzusprechen ist immer eine gute Idee. Sie sind für Geflüchtete da, aber auch für alle anderen Reisenden und Ratsuchenden.

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