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Der blaue Riese

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Von: Christoph Hoffmann

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Sven Bieber (l.) und Marcel Finkernagel vor der Säge. © Christoph Hoffmann

Wenn in Deutschland Stahl verbaut wird, ist es durchaus möglich, dass die Träger, Rohre oder Profile aus Gießen stammen. Die Firma Bieber+Marburg ist einer der größten Stahlhändler des Landes. Dank modernster Technik gehört das Unternehmen zu den Siegern des Branchenwandels.

Die Firmenzentrale von Bieber+Marburg liegt versteckt im Bergwerkswald. Viele Autofahrer dürften das Unternehmen dennoch kennen, schließlich ragt das große blaue Gebäude neben der Ausfahrt zum Schiffenberger Tal am Anlagenring empor. Vor allem die vielen Lkw fallen dabei ins Auge. »Wir haben 35 bis 40 Stück, die drei bis -fünfmal die Woche Stahl zu unseren Kunden bringen«, sagt Geschäftsführer Sven Bieber, der an diesem Vormittag zusammen mit Prokurist Marcel Finkernagel durch die Halle des Unternehmens führt.

Ende des 19. Jahrhunderts erkrankte der Schuhmacher Heinrich Bieber an einem Augenleiden. Seine Sehkraft war derart beeinträchtigt, dass er seinen Beruf aufgeben musste. Also gründete er eine kleine Baustoffhandlung. Nach Heinrichs Tod 1918 übernahm Sohn Ernst Bieber die Geschäftsführung. 1957 gründete Ernst Bieber trotz schwerer Krankheit eine Niederlassung in Gießen. Es folgten große Umstrukturierungen und Zukäufe, wodurch auch der Name Bieber+Marburg entstand. Seit 2001 lenken Sven Bieber und seine Cousine Brigitte Bieber die Geschicke der Firma.

75 000 Tonnen Stahl pro Jahr verkauft

Heute gehört das mittelständische Familienunternehmen zu Deutschlands größten Stahlgroßhändlern. »Wir kaufen den Stahl europaweit und auch in Asien ein und verkaufen ihn dann an die Stahl verarbeitende Industrie in einem Umkreis von etwa 300 Kilometern«, sagt Bieber. Jährlich verließen gut 75 000 Tonnen Stahl das 42 000 Quadratmeter große Lager, 25 000 bis 30 000 Tonnen seien hier bevorratet, damit die Kunden spätestens 24 Stunden nach Bestellung die Träger, Winkel, Platten, Profile oder Rohre weiterverarbeiten können. Allerdings hat sich das Geschäft in den vergangenen Jahren stark gewandelt.

»Früher war es wirklich der reine Handel. Wir haben große Mengen gekauft und kleinere verkauft«, erklärt Bieber. Heute übernehme der Großhändler aber zusätzlich die Lagerhaltung vieler kleinerer Kunden. Drehereien oder Schlossereien hätten nicht mehr die Kapazitäten, tonnenweise Stahl in ihren Werkstätten unterzubringen, stattdessen würden sie mitunter nur noch 100 Kilogramm bestellen, das aber eben öfter. »Die verarbeitende Industrie hat also die Lagerhaltung auf den Stahlhandel übertragen«, sagt Bieber.

Hightech-Laser und Robotersägen

Kein Wunder, dass Bieber+Marburg über derart große Flächen verfügt. Während Bieber und Finkernagel durch das schier endlos lange Lagerschiff laufen, rollen voll beladene Lastwagen vorbei. Kräne heben mit der Kraft des Magnetismus bis zu 23 Tonnen schweren Stahl in die Luft. Was auffällt: Obwohl das Unternehmen 260 Mitarbeiter beschäftigt, sind in der Halle nur wenige Menschen zu sehen. »Wir haben einen sehr hohen Automatisierungsgrad«, erklärt Bieber und biegt in eine Nebenhalle ab. »Hier können wir uns das anschauen.«

Ein roter Kranarm lässt ein etwa 50 Zentimeter langes Stahlstück über den Boden schweben. An einer Digitalanzeige ist zu sehen, dass es 140 Kilo wiegt. Die vollautomatisierte Säge hat den Stahl zuvor selbstständig aus dem Hochlager gezogen und auf die gewünschte Länge zurechtgesägt. Anschließend landet es in einer Holzkiste. »Die Maschine kann auch am Wochenende laufen, es reicht, wenn ein Mitarbeiter einmal am Tag schaut, ob alles in Ordnung ist«, erklärt Finkernagel.

Bei den Bohr- und Biegemaschinen verhält es sich ähnlich, das gleiche gilt für die neue Hightech-Lasermaschine, die kleinste Aussparungen aus dem Stahl schneiden kann. »Damit fangen wir gerade erst an«, sagt Bieber und verrät, dass die Anschaffungskosten des Lasers im siebenstelligen Bereich liegen.

Summen, die eine einfachere Schlosserei niemals stemmen könnte. Das Bohren, Biegen und Lasern übernehmen daher heutzutage Stahlhändler wie Bieber+Marburg. Auch das zeigt, wie sich die Branche in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

Das Gießener Unternehmen, das auch einen Standort in Bischoffen betreibt, ist aus diesem Wandel als Gewinner hervorgegangen. Jedes Jahr vergrößert sich der ohnehin schon große Kundenstamm, das große Lager platzt aus allen Nähten. Und angefangen hat alles mit der schlechten Sehkraft eines einfachen Schuhmachers.

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Die vielen Lkw des Unternehmens Bieber+Marburg sind fast täglich unterwegs, um Stahl an Kunden im Umkreis von 300 Kilometern zu liefern. © pv

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