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Mit Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) geht die Ringvorlesung des Präsidenten zu Ende.

»Denken in Missionen«

  • VonChristian Schneebeck
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Gießen (csk). Ein neuer Generationenvertrag liegt auf dem Tisch. Jetzt muss er nur noch ausgehandelt werden. Die Idee, Corona als Motor für mehr Klimaschutz zu nutzen, stieß bei Svenja Schulze (SPD) am Montagabend auf reichlich Gegenliebe. »Wir brauchen eine grundlegende Veränderung«, betonte die Bundesumweltministerin zum Abschluss der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten »Das Ende der Welt, wie wir sie kannten.

Und: Wie wir morgen leben werden«. Ein Generationenvertrag sei dafür kein schlechtes Bild. Soll heißen: Die Jüngeren verzichten in der Pandemie auf vieles, um Ältere vor einer Erkrankung zu bewahren. Die Älteren entdecken ihr Herz für den Klimaschutz - und helfen, den Jüngeren einen intakten Planeten zu bewahren.

»Aus der Krise lernen«, hatte Schulze den Vortrag überschrieben und damit schon im Titel mindestens zwei Fragen aufgeworfen: Haben wir gelernt? Und geht das wirklich nicht ohne Krise? Historisch betrachtet, hätten »Störfälle und Katastrophen« stets das Umweltbewusstsein angestachelt, antwortete die Ministerin, unter anderem mit Blick auf Tschernobyl. Ihr Anspruch sei es indes, das »Vorsorgeprinzip« starkzumachen. Beispiel Corona: »Es sind wir Menschen, die die notwendige Distanz zu Wildtieren unterschreiten«, sagte Schulze. Die Quittung erhalte man mit einem fremden Virus.

Strukturbrüche vermeiden

Dass aktuelle Wirtschaftshilfen alte Fehler nicht wiederholten, schrieb die Sozialdemokratin vorrangig der SPD auf die Fahnen. Sämtliche Rettungspakete berücksichtigten umweltpolitische Ziele, was etwa bei Kaufprämien für Verbrenner nicht der Fall gewesen wäre. Ohnehin rüttele heute »niemand« mehr an dem Ziel, Deutschland bis 2050 klimaneutral zu machen. Zugleich erklärte Schulze einen Kohleausstieg vor 2035 für kontraproduktiv: »Ziel meiner Politik ist es, Strukturbrüche zu vermeiden, weil hinter solchen Brüchen immer soziale Schicksale stehen.«

Die Bundesrepublik wie auch die EU seien spätestens seit dem deutschen Klimaschutzgesetz und dem europäischen Green Deal »auf einem guten Weg«. Aber: »Wir müssen schneller werden«, forderte Schulze, die politischen Druck von engagierten Bürgern begrüßte und »Fridays for Future« als »gesellschaftspolitische Errungenschaft« pries. Im Gespräch mit Prof. Claus Leggewie beleuchtete sie etliche weitere Teilaspekte, von künstlicher Intelligenz und Digitalisierung über die Förderung von Fotovoltaik und einer nationalen Wasserstoffstrategie bis zum Insektenschutz.

Seit 40 Jahren kein Fleisch

Zwischenzeitlich betrat dabei sogar SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz die Bühne - wenngleich nur in Form eines Zitats. Wer Umwelt- und Klimaschutz nachhaltig vorantreiben wolle, der müsse »stärker in Missionen denken«, referierte die Umweltministerin einen soeben präsentierten Scholz-Ansatz. Während Leggewie glaubte, dem wirke traditionell das Klein-Klein einzelner Ressorts entgegen, sah Schulze die Bundesregierung dank dem Klimaschutzgesetz längst unterwegs in diese Richtung. »Es gibt inzwischen nicht mehr nur eine Klimaschutzministerin«, sagte sie.

Von der Wissenschaft wünschte sich die selbsterklärte »Teilzeit-Heilige«, die nach eigenen Angaben seit 40 Jahren kein Fleisch isst, kaum Plastikmüll produziert und gern Rad fährt, vor allem eines: Sie solle »Lust machen auf Veränderungen und Zukunft« - und nicht permanent Negativszenarien entwerfen. Die Ringvorlesung sei in diesem Sinne ein Musterbeispiel. Lediglich das Werbeplakat missfiel der Ministerin. Waldbrand, Erdrutsch und ein Model mit Maske: Das sei dann deutlich zu »apokalyptisch«.

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