Ganz kurz war die Kreuzung am Berliner Platz durch die Demo-Teilnehmer blockiert. FOTO: CSK
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Ganz kurz war die Kreuzung am Berliner Platz durch die Demo-Teilnehmer blockiert. FOTO: CSK

"Kidical Mass"-Ausfahrt

Demonstranten in Gießen kritisieren "Blitzer-Hotline"

  • vonChristian Schneebeck
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Bei der "Kidical Mass" ging es am Samstag auch um die Praxis von Radiosendern, Autofahrer vor Radarfallen zu warnen. Den Demonstranten gelingt eine Live-Schalte zur "Blitzer-Hotline" des HR.

Gießen(csk). Ohne Replik möchte der freundliche Herr nicht wieder auflegen. Ob er kurz antworten dürfe, fragt er, und ob da am anderen Ende der Leitung etwa gerade eine Kundgebung laufe. Ja, sowohl als auch, sagt der Fahrradaktivist Fusl. Also gut: Der Hessische Rundfunk melde Blitzer im Radio, "um sie psychologisch präsent zu machen", erklärt der Mitarbeiter betont sachlich. Die rund 100 Teilnehmer der "Kidical Mass"-Demonstration am Samstag klingen wenig überzeugt. Sie buhen. Dass Sender ihre Hörer vor Radarfallen warnen, haben die Demonstranten auf Vorschlag von Diana Schwaeppe soeben lauthals als "Stuhlgang" bezeichnet. Fusls Handy trägt die Botschaft über die Blitzer-Hotline live vom Gießener Rathausvorplatz bis nach Frankfurt.

Statt Straßen blockieren die Aktivisten jetzt Telefonleitungen, könnte man meinen. Stimmt aber nicht ganz. Denn zunächst radeln sie auch diesmal knapp eine Stunde lang, begleitet von der Polizei und einem Non-stop-Klingelkonzert, kreuz und quer durch die Innenstadt. Beginnend in der Ludwigstraße geht es über Goethestraße und Anlagenring bis zur Sachsenhäuser Brücke. Dort hätten es Radfahrer und Fußgänger fast traditionell schwer, betont Schwaeppe. Am Ende der Brücke wird kollektiv gewendet - und schnurstracks der nächste Stopp bei der Galerie Neustädter Tor angesteuert.

Die "unechte Einbahnstraße", über die hier nur Busse, Fahrräder und Lieferverkehr vom Oswaldsgarten aus einfahren dürfen, lobt Fusl als "echten Fortschritt" hin zu "mehr Aufenthaltsqualität". Gleichwohl bleibe rund um den Marktplatz jede Menge zu tun. Vor allem der Parksuchverkehr gehöre verbannt. "Parkplätze abbauen" und "Parkplätze teurer machen" nennt Fusl zwei mögliche Ansätze. Generell fordern die Demonstranten "mehr Platz für Radfahrer" und "eine gerechte Umverteilung des Straßenraums". Tempo 30 innerorts steht ebenfalls auf ihrer Liste.

Unerlässlich scheine ein weitaus dichteres Netz von Fahrradstraßen, meinen Fusl und Schwaeppe. Diese müssten so geplant werden, dass mindestens Schulen, Kindergärten, Arztpraxen und andere wichtige Einrichtungen schnell und gefahrlos auf zwei Rädern erreichbar seien. Schwaeppe hebt zudem die Perspektive der Kinder hervor: Eine "eigenständige Mobilität" sei für ihre Entwicklung essenziell. "Wir wollen, dass sich Kinder und Jugendliche in Gießen jederzeit sicher mit dem Fahrrad bewegen können."

Unterwegs erhält die "Kidical Mass" immer wieder warmen Applaus. Viele Bürger scheinen zwar nicht genau zu wissen, worum es dem Pulk aus Rädern eigentlich geht. Manche schließen sich ihm aber auch spontan an, sodass er bis zum Rathaus permanent wächst. Über Walltorstraße, Nordanlage, Moltkestraße und Grünberger Straße erreichen die Demonstranten den Berliner Platz, wo sie eine Minute lang den Verkehr lahmlegen. Mit lautem Klingeln wollen sie die Autofahrer derweil für ihre Anliegen sensibilisieren.

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