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Exkursionen zu Gedenkstätten müssten mehr Platz im Lehrplan finden, meinen Felix Döring (o. l.), Frank-Tilo Becher und Kristine Tromsdorf.

Demokratietraining am Bärenzwinger

  • VonChristian Schneebeck
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Gießen (csk). Wer die vier Bären im Gehege bestaunte, konnte das Leid der zahllosen Menschen nebenan nicht übersehen. Denn während die Familien der SS-Männer durch den bestens gepflegten »Zoo« in Buchenwald spazierten, blickten sie mehr oder weniger direkt auf das Vernichtungslager. »Spätestens an dieser Stelle wird vielen klar, was die Kategorisierung von Menschen eigentlich bedeutet«, sagte Kristine Tromsdorf am Samstagnachmittag bei einer Online-Diskussion der SPD.

76 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa erzählte die Lehrerin von Bildungsfahrten zu der KZ-Gedenkstätte. Außerdem überlegte sie im Gespräch mit Felix Döring und Frank-Tilo Becher, was Erinnerungsarbeit für die Demokratie heute leistet.

Ein Aspekt rückte dabei besonders in den Vordergrund: die Individualität der Annäherung. Sie verlange von den Lehrkräften breites historisches Wissen und tiefe pädagogische Vorbereitung, betonte Tromsdorf, sowie die Bereitschaft, »in eine moderierende Rolle« zu schlüpfen. Jedenfalls erschließe sich jeder das Unvorstellbare anders. Am Anfang stehe vielleicht das »Interesse für die Technik der Verbrennungsöfen« - und am Ende die Frage, welche Verantwortung Unternehmen tragen.

Bildungsfahrten zu Gedenkstätten

Um eine bleibende Auseinandersetzung anzustoßen, seien Tagesfahrten (»Morgens Buchenwald, nachmittags Goethe in Weimar«) allerdings nicht ausreichend, unterstrich Tromsdorf. Die stellvertretende Leiterin des Gymnasiums Johanneum Herborn macht einwöchige Exkursionen mit ihren Schülern, die alle freiwillig teilnehmen. Der SPD-Bundestagskandidat Döring und der Landtagsabgeordnete Becher forderten, solche Besuche müssten einen höheren Stellenwert im Curriculum erhalten. Einen Entschließungsantrag dazu hat der Kulturausschuss des Landtags unlängst verabschiedet.

Den Antrag der Linken, den 8. Mai in Hessen zum Feiertag zu erklären, lehnte das Parlament hingegen ab. Gerade einige AfD-Beiträge während der Debatte hätten offenbart, »wie sehr wir hier um die historische Perspektive ringen und streiten müssen«, sagte Becher. Umso notwendiger seien historische und politische Bildung als »Demokratietraining« - nicht nur in der Schule, »sondern in allen möglichen gesellschaftlichen Räumen«. Ziehe er in dieser Sache ein aktuelles Fazit, sei er »nicht ganz glücklich, wo wir da im Moment noch stehen«.

Bei Bildungsfahrten zu den Gedenkstätten dürfe man sowohl die Perspektive der Täter als auch jene der Opfer einnehmen, sagte Tromsdorf. Sich der »Rationalität der Täter« anzunähern könne genauso fruchtbar sein wie die - meist ungleich schneller entwickelte - Empathie mit den Opfern. Ihrer Erfahrung nach verstünden Schüler durch die Konfrontation vor Ort die »Mechanismen« des Völkermords besser.

Es gibt immer weniger Zeitzeugen

Außerdem beschrieb Tromsdorf die Fahrten als »echte Multiplikatorenarbeit«. Dass Teilnehmer ihre Erfahrungen weitergeben, werde immer wichtiger, weil zusehends weniger Zeitzeugen über die NS-Herrschaft berichten könnten. Zwar seien diese unersetzbar, waren Tromsdorf, Döring und Becher einig. Aber: Wer, zum Beispiel, einmal vor den Ruinen des Buchenwalder Bärenzwingers gestanden hat, kommt auch ohne sie nachhaltig ins Grübeln. FOTO: CSK

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