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Gießen: Demo gegen Ukraine-Krieg läuft beinahe aus dem Ruder

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Von: Burkhard Möller

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Viel los auf der Friedensdemo in Gießen.
Viel los auf der Friedensdemo in Gießen. © Oliver Schepp

Eine Kundgebung gegen den Krieg in der Ukraine ist in Gießen fast aus dem Ruder gelaufen. Einige Redebeiträge wurden von wütenden Protesten junger Ukrainer begleitet.

Gießen - Auch das in ein Gesicht des Krieges. Man sieht der Frau, die am Dienstagabend (01.03.2022) vor dem Rathaus auf dem Berliner Platz steht, eingehüllt in die gelb-blaue Flagge der Ukraine, die Sorgen und den Kummer an. Ihre Verwandten leben in der Westukraine.

»Siebenmal am Tag heulen die Sirenen und die Leute müssen in die Keller«, berichtet die Wettenbergerin. Sie sei »stolz« auf ihr Volk, »wie sie kämpfen«. Sie erzählt von den Frauen, die Teigtaschen für die Männer an der Front backen und bedankt sich für die Unterstützung der deutschen Bevölkerung. Ein paar Meter weiter steht ein Grüppchen Ukrainer, die seit Jahrzehnten in Gießen leben. »Wir geben nicht auf«, sagt ein Mann.

Demo gegen Ukraine-Krieg in Gießen: 650 bis 800 Teilnehmer

Die vielen Menschen mit ukrainischen Wurzeln sind am Dienstagabend mit klaren Erwartungen zu der Kundgebung gekommen, zu der die Ausländerbeiräte von Stadt und Kreis Gießen gemeinsam mit dem DGB, den Omas gegen Rechts, den Jusos und der Grünen Jugend aufgerufen haben. Die Polizei schätzt die Teilnehmerzahl auf 650, andere zählen 800 Personen. Am Abend des sechsten Kriegstags, an dem die russische Armee angesichts des unerwartet heftigen Widerstands der Ukrainer zunehmend zivile Ziele wie Wohngebiete unter Feuer nimmt und Putins Russland vom EU-Parlament als »Schurkenstaat« eingestuft wird, erwarten sie klare Schuldzuweisungen und Anerkennung - auch und vor allem für den tapferen Abwehrkampf, den ihre Landsleute den Eindringlingen liefern.

Ein Schild auf der Demo in Gießen fordert Frieden für die Ukraine.
Ein Schild auf der Demo in Gießen fordert Frieden für die Ukraine. © Oliver Schepp

Tim van Slobbe, Vorsitzender des Kreisausländerbeirats, erklärt zunächst einmal sozusagen die Spielregeln der Veranstaltung. Ein Ausländerbeirat, der alle Nichtdeutschen, die in einer Kommune leben, vertreten müsse, könne bei Konflikten in den Herkunftsländern nicht einseitig Partei ergreifen. Als Gremium könne man sich »nicht damit befassen, wer Recht hat oder wer schuld ist«, sagt van Slobbe und fügt Sätze an, für die es den ersten Beifall des Abends gibt: »Jeder Krieg kennt nur Verlierer. Und wer einen Krieg anfängt, hat moralisch schon verloren.«

In der Folge hören die ukrainischstämmigen Menschen, die in den ersten Reihen mit gelb-blauen Fahnen, Schildern mit Aufschriften wie »Stop Putin« stehen, aber nicht das, was sie erwartet haben. Gerlinde Bauer von den Omas gegen Rechts fordert »sofortige weltweite Abrüstungsverhandlungen«. In den Ohren der Ukrainer, auf deren Hauptstadt Kiew zeitgleich ein monströser russischer Konvoi mit Panzern und Lkw zurollt, klingt das wie Hohn. Bei der folgenden Rede von DGB-Chef Klaus Zecher gibt es die ersten Zwischenrufe. Zecher brandmarkt den Angriff zunächst als »Völkerverhetzung« und fordert einen »sofortigen Waffenstillstand«. Unmut wird laut, als er pauschal das »Versagen der Politiker« kritisiert und sich gegen eine weitere Aufrüstung ausspricht.

Gießener Demo gegen Ukraine-Krieg: Rede löst Empörung aus

Bei der Rede von Dorothea von Ritter-Röhr von den Omas gegen Rechts wird die Unruhe bei Teilen der Zuhörer tumultartig. Als Ritter-Röhr von der Suche nach einem »Sündenbock« und dem »vermeintlich irren Putin« spricht, wird der Protest aus den ersten Reihen wütend. In dem geht ihre Kritik an den Waffenlieferungen an die Ukraine und der »kriegspolitischen Antwort«, mit der die Bundesregierung auf Putins Angriffskrieg reagiert habe, unter.

»Wir hören nur leere Worte. Hier kommen überhaupt keine Betroffenen zu Wort«, ruft ein Ukrainer, der vor die Rednerbühne getreten ist, Hinter ihm rufen andere Ukrainer im Chor: »Heimat, Heimat.«

Bis zu 800 Menschen soll auf dem Berliner Platz in Gießen zusammen demonstriert haben.
Bis zu 800 Menschen soll auf dem Berliner Platz in Gießen zusammen demonstriert haben. © Oliver Schepp

Im Anschluss finden dann Eden Tesfaghioghis, die stellvertretenden Vorsitzende des Gießener Ausländerbeirats, und Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher, klare Worte. »Die Menschen in der Ukraine müssen erleben,wie sie der Frieden verlassen hat und wie ihre Freiheit angegriffen wird«, sagt Becher und fügt unter lautem Beifall an, »was klar ausgesprochen werden muss: Der russische Präsident Putin trägt die alleinige Verantwortung. Er ist der Aggressor.«

Zum Abschluss sollten noch ein junger Russe und ein junger Ukrainer gemeinsam ein Zeichen setzen, aber dazu kommt es nicht. Zwei andere junge Männer stehen plötzlich am Rednerpult. Einer studiert in Gießen und erzählt unter Tränen vom Abschied von seiner in der Ukraine lebenden Mutter und von »seinen Kumpels, die jetzt kämpfen«. Als es DGB-Chef Zecher zu martialisch wird, dreht er dem Mann das Mikro ab. Das letzte Wort einer denkwürdigen Veranstaltung hat Boris Saizew aus Staufenberg: »Wir wollen uns doch nur verteidigen.« (Burkhard Möller)

Anfang der Woche sind auch die ersten Geflüchteten aus der Ukraine in Gießen angekommen. Sie kamen in der Erstaufnahmeeinrichtung unter.

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