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Die Bonifatiuskirche in der Liebigstraße, eine katholische Kirche in Gießen.

Katholische Kirche

Dekan aus Gießen sagt: »Liebe kann nicht Sünde sein«

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Der katholische Dekan Hans-Joachim Wahl aus Gießen kritisiert die Haltung des Vatikans, der homosexuelle Partnerachaften für unzulässig hält. Dies entspreche nicht der Lebensrealität.

Eine klare Position auf die Verlautbarung der Glaubenskongregation des Vatikans, in der die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare abgelehnt wird, bezieht der katholische Dekan Hans-Joachim Wahl: »Das kann nicht sein. Es entspricht nicht unserer Lebensrealität«. Die Menschen, die mit dem Wunsch nach einer Segnung an katholische Geistliche heranträten, lebten ihren Glauben bewusst und engagiert. Sie zurückzuweisen, bedeute Kränkung und Diskriminierung. Er betont: »Ich hätte mir eine Antwort gewünscht, die nicht aus dem 19. Jahrhundert stammt.«

Auch die katholischen Hochschulgemeinden widersprächen entschieden dem Versuch, eine Weiterentwicklung der Segenspraxis für gleichgeschlechtliche Beziehungen zu verbieten, erklärt Hochschulpfarrer Dr. Siegfried Karl von der KHG Gießen. Sie unterstützten alle Seelsorger, die gleichgeschlechtlich liebende Paare weiter segneten. Dort heiße es: »Bei uns gerne«.

In seiner seelsorgerlichen Arbeit und in täglichen Gesprächen mit den Menschen erlebe er keinerlei Ablehnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften, sagt Wahl. Auf Ablehnung stoße dagegen die Haltung des Vatikans. Wer ohnehin schon mit der eigenen Kirche hadere - etwa durch die Missbrauchsskandale - werde leider durch die aktuellen Signale bestätigt.

»Das fördert weitere Austritte«

»Es ist eine unglückliche Gemengelage, die weitere Kirchenaustritte fördert«, bedauert Wahl. Pfarrer wie er befänden sich in dem Konflikt, sich einerseits an die Regeln aus Rom halten zu sollen und andererseits ihren seelsorgerlichen Auftrag erfüllen zu wollen. »Tiere, Autos und Fahrstühle dürfen gesegnet werden, aber nicht zwei Menschen, die sich lieben?«, fragt er. Darauf könne man nur mit großem Unverständnis reagieren. Wahl sagt das nicht nur als Gießener Pfarrer und Dekan, sondern auch in seiner Eigenschaft als Diözesanvorstand des Kolpingwerks (Diözesanverband Mainz): Sowohl Jesus als auch Adolph Kolping seien zu Lebzeiten auf diejenigen zugegangen, die nicht ins Klischee passten.

Das Kolpingwerk sei Teil der Kirche und eine Gemeinschaft von Christen, die sich mit allen solidarisiere, die in Liebe, Respekt und Verantwortung füreinander da seien. Die Kirche dürfe sich nicht dem Zeitgeist anpassen, müsse aber ihre Positionen immer wieder neu überdenken. Auch die fortschreitende wissenschaftlich-theologische Reflexion dürfe nicht einfach abgetan werden. Als Beispiele nennt er frühere Auseinandersetzungen um Empfängnisverhütung oder die Wiederverheiratung Geschiedener. Mit einer unbeirrt starren und rückwärts gewandten Haltung werde man weder den Menschen noch der Sache gerecht. Dass sich so viele Katholiken so eindeutig positioniert haben, wertet Wahl als aufbauendes Signal. »Wir wollen, dass Menschen ihren Glauben leben können.«

Wahl verweist unter anderem auf die Stellungnahme des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf. Dieser hatte vor kurzem die Veröffentlichung eines Buches befürwortet, in dem es unter anderem um liturgische Segensfeiern gehe, die gleichgeschlechtlichen Paaren angeboten werden. Die Beispiele, die in diesem Buch genannt würden, gingen gegen die kirchliche Ordnung, was einen Konflikt für die vorgesetzten Geistlichen bedeute. Er als Bischof, sagt Kohlgraf, sehe jedoch seine Aufgabe nicht darin, wegzuschauen oder gar einzuschreiten. Er plädiere für eine Begleitung statt eines Urteils: Seelsorger sprächen über das Gute im Leben der Paare ihren Segen, das sei sei ein respektabler Weg.

Die Glaubenskongregation des Vatikans hatte Mitte März klargestellt, dass jede Segnungsform homosexueller Partnerschaften unzulässig sei. Die christliche Gemeinschaft sei aber aufgerufen, Menschen mit homosexuellen Neigungen zu respektieren. Diese Erneuerung der Ausgrenzung hatte nicht nur in Deutschland zu empörter Kritik geführt. Diese Auffassung sei eine weitere Störung des »Synodalen Wegs«, des innerkirchlichen Reformprozesses, lautet die Kritik.

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