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Jochen Ahl hat sich aus kleinen Verhältnissen nach oben gearbeitet. Seine Triebfeder waren Wut und Minderwertigkeitskomplexe. Foto: Schepp

Mensch, Gießen

Investor Jochen Ahl: Deals und Demut

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Bei sehr vielen prominenten Bauvorhaben in Gießen hat Investor Jochen Ahl seine Finger im Spiel. Der Imaxx-Chef hat sich aus bescheidenen Verhältnissen nach oben gearbeitet. Ein Porträt.

Es ist jetzt über 30 Jahre her, da hatte Jochen Ahl einen wegweisenden Gedanken. Er war damals 18 Jahre alt und verdiente sich mit dem Verkauf von Versicherungen etwas dazu. Als er eines Tages die Grünberger Straße hinunterlief und das Dachcafé erblickte, hatte er eine Eingebung. "Warum verkaufe ich nicht so große Objekte?" Also ging Ahl zu einem Immobilienmakler und fragte den Chef, ob er für ihn arbeiten könne.

Heute, drei Jahrzehnte später, ist Ahl selber Chef. Aus seinem Büro in der Plockstraße tätigt der Geschäftsführer der Imaxx-Projektentwicklungsgesellschaft Deals im ganzen Land. Dazu gehören auch lokale Bauprojekte wie die Rinn’sche Grube in der Marburger Straße. Als Chef der Braumaxx GmbH entwickelt er zudem das einstige Brauhaus-Areal, mit seiner Gesellschaft Bubaxx hat er das frühere Bundesbank-Gebäude belebt. Kurzum: Wenn es um prominente Immobilienprojekte geht, hat Ahl meistens seine Finger im Spiel.

Auf lokaler Ebene ist Ahl ein Big Player. Dabei hat er sich in seiner Jugend meistens nur sehr klein gefühlt. "Ich hatte Minderwertigkeitskomplexe. Und große Wut auf die Gesellschaft." Wie sich später herausstellen sollte, ideale Triebfedern für den Sprung nach oben.

Der 50-Jährige kommt aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater war Lastwagenfahrer, seine Mutter Metzgerin. Die Eltern ließen sich scheiden, als er elf Jahre alt war. "Meine Mutter musste nebenbei putzen gehen, um uns durchzubringen", sagt Ahl. Eine prägende Zeit. "Ich habe schon früh gemerkt, dass ich mich anstrengen muss, wenn ich etwas erreichen will." Mutter und Sohn hatten allerdings unterschiedliche Vorstellungen davon, wie er dieses Ziel erreichen sollte.

Ahl war ein guter Schüler. Seine Lehrerin wollte ihn aufs Gymnasium schicken. Doch seine Mutter entschied anders. Studium? Auf keinen Fall. Ihr Junge sollte einen anständigen Beruf lernen. So begann Ahl eine Ausbildung als Verwaltungsangesteller beim Arbeitsamt.

Heute kann der Gießener darüber lachen, aber damals hat ihn die Entscheidung der Mutter schwer zu schaffen gemacht. "Es fühlte sich wie eine Herabstufung an. Das hat mich sehr verletzt." Zumal er den Gedanken, schon mit 16 Jahren zu wissen, was er als 40-Jähriger mal verdienen würde, als demotivierend empfand. Hinzu kamen wieder die Minderwertigkeitskomplexe. Weil seine Freunde aufs Gymnasium gingen. Weil er sich ungerecht behandelt fühlte. Und dann der Überfall, bei dem er böse zusammengeschlagen wurde. Einen Teil seiner Wut konnte Ahl mit Kung Fu kompensieren, auf Dauer musste aber eine grundlegende Veränderung her. Also begann er, schon während der Ausbildung Versicherungen und Bausparverträge zu verkaufen. Später vermittelte er auch Finanzierungen. Dann die Idee mit dem Dachcafé. Warum nicht Größeres verkaufen? Ist doch viel lukrativer. Ahl holte sein Abitur nach und schloss ein BWL-Studium ab. Parallel sparte er Geld, legte es mit Mitstreitern zusammen und investierte in Grundstücke. Erst kleiner, dann größer. Irgendwann kaufte die Volksbank sein Unternehmen. Der Rest ist Geschichte.

Ahl spricht oft von Glück. Er meint nicht das erarbeitete Glück. Sondern jenes, das Fußballspiele zwischen gleichwertigen Mannschaften entscheidet. "Spielglück", sagt Ahl und betont, dass er davon häufig profitiert habe. Wäre nur eines seiner früheren Investments schiefgegangen, wäre er heute nicht in dieser Position. Ahl weiß das. Und er weiß auch, dass sein Erfolg kritisch beäugt wird.

Investoren haben einen zweifelhaften Ruf. Sie gelten als egoistisch. Machtgeil. Als Männer, die über Leichen gehen. Auch Ahl hat solche Vorwürfe schon oft gehört. "Meistens sind es Menschen, die mich nicht persönlich kennen. Aber die eine Meinung über mich haben." Der Geschäftsmann kann das in gewisser Weise sogar nachvollziehen. "Früher waren mir erfolgreiche Menschen ebenfalls suspekt. Ich kenne dieses Misstrauen also aus dem eigenen Gefühl." Und in seinen jungen Jahren habe er solche Vorurteile auch genährt. Der 7er BMW während des Studiums sei zum Beispiel nicht seine beste Idee gewesen. "Vielleicht fehlte mir einfach der Vater, der mich mal gebremst hätte." Heute habe er aus seinen Fehlern gelernt. Er versuche, sich nicht über andere zu stellen und ihnen mit Demut zu begegnen. Noch so ein Wort, das bei Ahl häufiger fällt. Demut. Nicht nur, wenn es ums Geschäft geht.

Auf die schwere Jugend folgten für Ahl goldene Zeiten. Schon mit Mitte 20 war er sehr erfolgreich. Doch dann, mit 33, gab es einen Bruch. Einen Verlust, der ihm heute noch sehr nahe geht. Er will darüber nicht in der Zeitung lesen. Aber die Geschehnisse haben seine Sicht auf viele Dinge nachhaltig verändert.

Ahl hat viele Höhen und Tiefen durchlebt. Und sie haben den Gießener geprägt. Ahl setzt sich heute für arme Menschen auf den Philippinnen ein. Außerdem engagiert er sich politisch. Früher bei den Freien Wählern, jetzt ist er Mitglied bei den Grünen. Vor allem aber sieht er seine Kinder nicht als selbstverständlich an. "Ich versuche, ihnen so viel Zeit wie möglich zu widmen. Ich habe gelernt, dass Kinder das Sinnhafteste auf der Welt sind."

Für Jochen Ahl mögen das Brauhaus-Areal und die einstige Bundesbank gute Geschäfte gewesen sein. Seine besten Deals sind aber sicher seine Kinder.

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