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David Smida: Den Blick für andere

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Von: Christoph Hoffmann

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David Smida widmet den Großteil seiner Zeit dem Kampf gegen Barrieren. © Oliver Schepp

David Smida ist an der Technischen Hochschule Mittelhessen als Berater für chronisch erkrankte und schwerbehinderte Studierende tätig. Eine Arbeit, der er aus voller Überzeugung nachgeht. Auch in seinem Privatleben hilft der 35-jährige Gießener Menschen, die tagtäglich mit Barrieren konfrontiert sind.

David Smida sitzt an diesem Vormittag in einem Café vor dem Rathaus. Der Platz ist gut gewählt, liegt er doch auf halber Strecke zwischen seinem Zuhause im Dachcafé-Hochhaus und seiner Arbeit bei der Technischen Hochschule Mittelhessen in der Wiesenstraße. Arbeit und Zuhause, das sind für Smida zwei Welten, die kaum voneinander zu trennen sind. Der 35-Jährige ist bei der THM als Berater für chronisch erkrankte und schwerbehinderte Studierende eingestellt und hilft den Betroffenen dabei, am akademischen Leben teilhaben zu können. Auch privat engagiert er sich für Betroffene, zum Beispiel beim heimischen Sehbehindertenbund. »Für mich ist das eine Herzensangelegenheit«, betont der Gießener.

Smida ist in Rosbach vor der Höhe in der Wetterau aufgewachsen und in Friedberg zur Schule gegangen. Seine Mutter war bei der Agentur für Arbeit angestellt, sein Vater arbeitete für die Lufthansa. Ein schönes Umfeld, wie Smida betont, eine Mischung aus Stadt und Land mit guter Nachbarschaft. »Es war toll, in der Wetterau aufzuwachsen. Ich hatte eine schöne Kindheit, mir hat es an nichts gefehlt.«

Zum Studium zog es Smida dann nach Gießen. Der Ort, an dem er die Entscheidung über sein weiteres berufliches Leben treffen sollte, ist heute sein Arbeitsplatz. »Der Studiengang Medizin-Informatik wurde im Bliz vorgestellt, dem Zentrum für blinde und sehbehinderte Studierende«, erzählt Smida und fügt an, dass die damalige Leiterin des Bliz auch den von ihm favorisierten Studiengang leitete.

Offenbar war die Leiterin von Smida angetan, denn als eines Tages eine sehbehinderte Auszubildende eine Arbeitsplatzassistenz suchte, schlug sie ihn vor. Seither ist Smida aus dem Team des Bliz nicht mehr wegzudenken.

Für an einer Behinderung oder einer chronischen Krankheit leidende Menschen war ein Studium an einer Hochschule vor nicht allzu langer Zeit noch ein Ding der Unmöglichkeit. Denn Barrieren bedeuten mehr als Treppenstufen. So brauchen sehbehinderte Menschen speziell konzipierte Klausuren, und Studenten, die an einer Sozialphobie leiden, können ihre Tests nicht in einem großen Saal mit etlichen anderen Studierenden schreiben. Die Aufgabe des Bliz-Teams ist es daher, Lehrunterlagen, Klausuren und Umgebungen so zu konzipieren, dass Menschen mit Beeinträchtigungen keine Nachteile haben. So werden zum Beispiel Räume zur Verfügung gestellt, die mit Braillezeilen und Vergrößerungssoftware ausgestattet sind.

»Pro Semester führen wir alleine 250 Prüfungen durch«, sagt Smida und fügt an, dass neben blinden und sehbehinderten Menschen auch motorisch eingeschränkte sowie Menschen mit psychischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Phobien, das Angebot nutzen würden. Letzteres habe durch Corona merklich zugenommen. Für Smida ist die Arbeit mehr als Broterwerb, er macht sie aus Überzeugung. »In einer Zeit, in der digital so viel möglich ist, darf es einfach nicht sein, dass Menschen wegen ihren Einschränkungen ausgeschlossen werden«, sagt er. »Dafür zu sorgen, ist für mich eine echte Herzensangelegenheit.«

Nicht nur die Studenten, die Smida betreut, haben Einschränkungen. Auch einige Mitglieder seines Teams sind betroffen. Der stellvertretende Direktor Andreas Deitmer beispielsweise ist sehbehindert. Smida, der auch offizieller Erasmusbeauftragter des Bliz ist, betreut seinen Kollegen auch bei dessen Promotion an einer Universität in Lissabon. »Durch diese Arbeit reise ich viel, was sehr spannend ist«, sagt Smida. Gleichzeitig sei er Ansprechpartner für ausländische Studierende mit Behinderung.

Einigen Menschen fällt es mitunter schwer, mit behinderten Menschen umzugehen. Sie sind verkrampft, behandeln ihr gegenüber wie ein rohes Ei und haben Angst, etwas Falsches zu tun oder zu sagen. Smida arbeitet nicht nur mit eingeschränkten Menschen, er ist auch mit vielen von ihnen befreundet. Sollte er einmal Hemmungen gehabt haben, hat er sie längst überwunden. »Durch meine Arbeit habe ich natürlich eine gewisse Offenheit für die Thematik entwickelt«, sagt der 35-Jährige. »Ich kann mich in die Betroffenen gut hineinversetzen. Gleichzeitig stecke ich sie nicht pauschal in eine Schublade und sehe den Mensch hinter der Behinderung.«

Freunde sind für Smida sehr wichtig, das betont er immer wieder. Dazu gehörten auch einige seiner Arbeitskollegen. »Sie sind wie eine Familie für mich«, sagt er. Ihnen habe er auch viel zu verdanken. Als seine eigene Familie den ein oder anderen Schicksalsschlag habe wegstecken müssen, seien seine Freunde für ihn dagewesen. »Das weiß ich sehr zu schätzenen.

Smida widmet den Großteil seines Lebens dem Kampf gegen Barrieren. Neben seiner Arbeit im Bliz und der ehrenamtlichen Tätigkeit im Sehbehindertenbund lehrt er auch digitale Barrierefreiheit an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Viel Freizeit bleibt da nicht. »Die Arbeit, meine Familie und Freunde füllen mich schon sehr aus«, sagt er. Eine Leidenschaft, für die er sich jedoch Zeit nehme, sei das Reisen. Nicht nur im Dienste als Erasmusbeauftragter, sondern auch um zu wandern, etwa in Österreich. »Ich bin aber auch gerne weltweit unterwegs«, sagt Smida.

Trotzdem, das betont der Gießener, will er seine Heimatstadt nicht missen. Im Gegenteil. »In der Ferne merkt man ja oft erst, was Heimat bedeutet«, sagt Smida. Für ihn seien das neben dem Ort Gießen vor allem die Menschen, mit denen er verbunden ist. »Menschen, die für einen da sind«, sagt Smida. »Und Menschen, für die man da sein kann.«

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