Wort zum Sonntag

Das Seufzen der Gefangenen

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Für viele Schulkinder, Lehrerinnen und Lehrer ist durch den Wiederbeginn des Präsenzunterrichts in dieser Woche ein Stück Normalität in ihr Leben zurückgekehrt. Für die meisten Erwachsenen ist der Lockdown aber nach wie vor in Kraft. Manchen droht die Puste auszugehen in diesem Marathon (oder sogar Triathlon), den das Coronavirus uns allen auferlegt hat.

Das Seufzen und Stöhnen vieler ist unüberhörbar.

In der Bibel steht: »Lass vor dich kommen das Seufzen der Gefangenen...« (Psalm 79, Vers 11). Dieses Virus hält uns alle auf eine gewisse Art und Weise gefangen, bremst uns aus. Aber wie sieht es im Gefängnis aus, bei den Menschen, die wirklich Gefangene sind?

Nach gewissen Lockerungen im Sommer und Frühherbst kam es auch im Gefängnis in Gießen seit November wieder zu stärkeren Einschränkungen. Der Besuch ist wieder ausgesetzt und kann nur per Videogespräch stattfinden. Einzelne Gefangene haben mir erzählt, dass sie seit über einem Jahr ihre kleinen Kinder nicht mehr gesehen haben oder auf den Arm nehmen konnten. Manche haben lieber auf einen Besuch verzichtet, als ihren Kindern oder der Freundin nur durch eine Trennscheibe zu begegnen.

Seit fast vier Monaten sind die Sportangebote im Mehrzweckraum ausgefallen. Die Fitnessgeräte blieben ungenutzt. Manche Gefangene haben deshalb die gesetzlich vorgeschriebene eine Stunde draußen auf dem Gefängnishof genutzt, um Übungen zu machen. Oder sie haben versucht, Übungen auf der Zelle durchzuführen. Immerhin ist jetzt wieder Sport in kleinen Gruppen möglich. Die Teilnehmerzahlen am Gottesdienst sind in den letzten Monaten deutlich gestiegen. Während im Landkreis Gießen evangelische Gottesdienste weitgehend nur noch digital stattfinden konnten, war es möglich, im Gefängnis Präsenzgottesdienste abzuhalten. Und das Seufzen der Gefangenen so vor Gott zu bringen.

Pfarrer Johannes Blum-Seebach ist ev. Gefängnisseelsorger in Gießen

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